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"Ich
ahne nun, dass die Luft ganz dick ist" -
Schicksale Homosexueller in Berlin-Mitte 1933-1945
Eine
Ausstellung im Foyer des Kriminalgerichts Moabit, März
2004.
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"Ich
ahne nun, dass die Luft ganz dick ist" -
Schicksale Homosexueller in Berlin-Mitte 1933-1945 |
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| Andreas
Pretzel zur Ausstellungseröffnung: |
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Diesen
andeutungsvollen Worten sind Sie mit der Einladung gefolgt.
Wenn man nicht um das NS-Thema der Homosexuellenverfolgung
wüsste, könnte man das Titelzitat der Ausstellung auch
als eine allgemein zutreffende Metapher auffassen. Eine
Redewendung, die jene Befürchtungen und Beklemmungen
zum Ausdruck bringt, die sich einstellen, wenn man einer
Ladung zum Strafgericht folgt.
Dass
die meisten von uns dieser Einladung statt dessen mit
Neugierde folgten, liegt daran, dass wir als Zuschauer
geladen sind und einer historischen Aufführung teilhaftig
werden. Und: Nicht die Homosexuellen werden hier als
Straftäter vorgeführt. Die Beschuldigten sind ihre Verfolger.
- Das macht die Ausstellung aus heutiger Perspektive
deutlich.
Lassen
Sie es mich etwas pathetisch formulieren: Mit dieser
Ausstellung im Kriminalgericht Moabit findet gewissermaßen
ein Akt historischer Gerechtigkeit statt. Erstmals wird
der Ort der Täter mit den Schicksalen der Opfer konfrontiert.
Das ist im Hinblick auf die Verfolgtengruppe der Homosexuellen
deutschlandweit ein Novum. Kein Strafgericht hat das
bislang gewagt. Dafür meinen Dank an die Justizsenatorin
und die hiesigen Hausherren.
Und
womöglich bietet diese Ausstellung eine weitere Anregung,
sich der Geschichte der Berliner Strafjustiz während
der NS-Zeit endlich anzunehmen. Hier gibt es erheblichen
Forschungsbedarf. Während die meisten Großstädte der
Bundesrepublik seit Jahren die Geschichte ihrer Strafjustiz
während der NS-Zeit aufarbeiten, gibt es in Berlin immer
noch keine Anzeichen für eine umfassende kritische Aufarbeitung
dieses Kapitels Berliner Stadtgeschichte. Die Berliner
Justizverwaltung steht historisch in der Pflicht, das
nachzuholen. Das heißt auch, die Forschung zu finanzieren.
Aber nicht nur wegen des Geldes und der prekären Haushaltslage,
ist eine kritische Aufarbeitung ein schmerzhaftes Unterfangen.
- Wenngleich die Summe, die dafür erforderlich ist,
in keinem Verhältnis steht zu den horrenden Kosten,
die den Opfern der Strafjustiz damals von der Gerichtskasse
Moabit abverlangt wurden; und abgesehen von den anderen
schmerzhaften Schäden, die den Verfolgten zugefügt wurden.
Die Homosexuellenverfolgung bietet dafür ein eindrucksvolles
und herausforderndes Beispiel:
Denn
wer beginnt, sich eingehender mit der NS-Strafgerichtsbarkeit,
und insbesondere mit der Verfolgung Homosexueller durch
die Strafgerichte zu beschäftigen, ahnt, dass die Luft
ganz dick wird... Auf die Gründe für die bisherigen
Verdrängungen, gehe ich noch ein.
Diese
Ausstellung ist - und das macht der Untertitel klar
- vor allem den Schicksalen der Verfolgten gewidmet.
Darauf werde ich mich weitgehend begrenzen. Ich beginne
mit einigen Beispielen, die unterschiedliche Erfahrungen,
Lebens- und Verfolgungswege homosexueller Männer verdeutlichen.
Danach werde ich kurz andeuten, welche Dimension die
Homosexuellenverfolgung in Berlin erreichte und wie
schwierig es ist, an die Verfolgten angemessen zu erinnern.
-
Das
eingangs erwähnte Zitat, "Ich ahne nun, dass die Lust
ganz dick ist", stammt von einem Mann, der es wusste,
wie es vor Gericht zuging. Er war Staatsanwalt hier
am Kriminalgericht: Jürgen Riel. Ihm gelang es Ende
1935, vor dem Zugriff der Gestapo zu flüchten. Zunächst
in die Tschechoslowakei, dann vermutete man ihn in der
Schweiz; dann war er offenbar als Lektor in Japan und
China unterwegs. 1939 schreibt er einem Bekannten in
Deutschland, er sei gerade zwischen New York und Kalifornien
und, es sei "eine prächtige Reise durch ein wunderschönes
freies Land..." Aus den Überlieferungen der Emigranten
wissen wir, der Name von Jürgen Riel wurde noch 1944
im "Radio Freies Deutschland" für Aktivitäten gegen
das Nazi-Deutschland in Anspruch genommen. Sogar der
Volksgerichtshof ließ nach ihm fahnden ...
Riels
Kollege und Vertrauter bei der hiesigen Staatsanwaltschaft,
Julius Herft, blieb in Deutschland. Gegen ihn wurde
zunächst wegen Begünstigung ermittelt. Er war zeitweilig
vom Dienst suspendiert worden, weil er Jürgen Riel dabei
behilflich war, noch einmal Kontakt zu dessen Freund
aufzunehmen vor der Flucht. Julius Herft blieb schließlich
unbehelligt und im Justizdienst. - 1950 ist er Erster
Staatsanwalt am Landgericht in München. - Die Süddeutsche
Zeitung berichtet im Mai desselben Jahres: er sei seines
Amtes enthoben worden, weil der Verdacht bestehe, er
habe gegen den § 175 verstoßen.
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Tatortwechsel: |
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Berlin in der Nachkriegszeit. Ein nicht geringer Teil
der Justizbeamten aus der NS-Zeit blieb auch hier im
Dienst, nicht so sehr die Richter, als die Staatsanwälte.
Bis Ende 1946 amtierte hier noch Oberstaatsanwalt Keßler,
mehr als 10 Jahre lang Abteilungsleiter der NS-Staatsanwaltschaft
und tief verstrickt in die Verbrechen der NS-Justiz.
- Dann erst musste er gehen. Doch Mitte der 50er Jahre
wurden viele seiner engsten jüngeren NS-Kollegen, die
maßgeblich an der Homosexuellenverfolgung beteiligt
waren, wieder eingestellt. Auch hierin liegt ein Grund,
warum die Homosexuellenverfolgung in den 50er Jahren
einen erneuten Aufschwung erfuhr. Die willigen Vollstrecker
waren wieder im Amt, bei der Kriminalpolizei ebenso,
wie bei der Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt Bernhard
Jezewski kam wieder zu Amt und Würden. Er hatte von
1935 bis 1945 Hunderte Anklagen verfasst und sie hier
vor Gericht vertreten - in enger Zusammenarbeit mit
der ermittelnden Gestapo, und nicht zuletzt auch mit
der Kripo: Er und seine Kollegen von der Staatsanwaltschaft
hatten von Amtswegen dafür gesorgt, dass die Verurteilten
nach Verbüßung der Haftstrafe der Kriminalpolizei zur
Vorbeugungshaft unmittelbar übergeben wurden. Was das
bedeutete, war ihm bekannt. Denn die Gerichtskasse Moabit,
die noch lange nach der Entlassung der Häftlinge aus
dem Strafvollzug die Prozess- und Haftkosten von den
Verurteilten einforderte, informierte die Staatanwaltschaft
und vermerkte nicht selten: Schuldner im KZ verstorben.
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Mitteilung
der Kriminalinspektion Vorbeugung zur
Einlieferung eines Beschuldigten ins KZ
Sachsenhausen
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Zu
Jezewskis Kollegen gehörte auch Staatsanwalt Arno Pretzsch,
dessen Anklagen gegen Homosexuelle noch bis zu seiner
Pensionierung Ende der 60er Jahre nachweisbar sind.
- Das Schwule
Museum zeigt ein solches Verfolgungsdokument
in seiner gegenwärtigen Ausstellung zur Situation Homosexueller
in Berlin der 50er Jahre. Sie sollten sich auch diese
Ausstellung nicht entgehen lassen.
Das NS-Strafrecht gegen Homosexuelle blieb bis 1969
geltenden Recht. Diese zweifache Kontinuität - in Strafrecht
und Strafpersonal - liefert den entscheidenden Grund,
warum die Erinnerung an die verfolgten Homosexuellen
und die Aufarbeitung der Verfolgung so lange verdrängt
wurde und warum es auch heute noch Unbehagen bereitet,
ihnen einen angemessenen Platz in der politischen Gedenkkultur
der Bundesrepublik zuzugestehen.
Die Verfolgung war für Homosexuelle 1945 nicht zu Ende.
Das unterscheidet die Verfolgtengruppe der Homosexuellen
gravierend von anderen Opfergruppen des NS-Regimes.
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Gedenktafel
für die homosexuellen Opfer der NS
Diktatur am Nollendorfplatz in Berlin,
eingeweiht 1989
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Ein
zweites Verfolgungsbeispiel: |
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Ganz ähnlich wie das eingangs erwähnte Zitat, bringt
auch das folgende, die Atmosphäre eines bevorstehenden
Unheils zum Ausdruck. Heinz Dörmer, wie Jürgen Riel
ein Führer in der bündischen Jugendbewegung, empfand
eine permanente Bedrohung, die sein Leben bis ins Alter
geprägt hat: "War eine schlimme Zeit", schrieb er im
Rückblick: "Man war nie sicher. Wenn es klingelte oder
klopfte, dann dachte man immer das Schlimmste". Als
Jürgen Riel 1935 flüchtete, wurde Heinz Dörmer von der
Gestapo verhaftet. Er hat die Verfolgungsstationen,
denen viele Homosexuelle ausgeliefert wurden, durchleiden
müssen: Konzentrationslager Lichtenburg, Gerichtsprozess,
Zuchthausstrafe im Moorlager, nach der Entlassung 1940
erneute KZ-Haft in Sachsenhausen, dann in Neuengamme
bis zur Befreiung im Mai 1945. 10 Jahre Haft, "Und alles
wegen der Jungs...", wie er im Rückblick mitteilte.
Vergeblich hat er sich in Deutschland um Anerkennung
als NS-Opfer und um Entschädigung bemüht. In den 50er
Jahren wurde er erneut zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.
Er verbüßte sie in demselben Moorlager, das bereits
während der NS-Zeit seine Gesundheit ruinierte hatte.
Späte Lebenshilfe bekam er Anfang der 80er Jahre von
einem Mitarbeiter des Schwulen Museums in Berlin. Andreas
Sternweiler, der sich für sein Leben und sein Schicksal
interessierte, hat auch seine Biographie geschrieben,
ihm eine Ausstellung gewidmet. Eine Schweizer Homosexuellenorganisation
hat Heinz Dörmer schließlich 1988 aus einem NS-Opferfonds
eine finanzielle Unterstützung gewährt. Ein Jahr darauf
verstarb er, sein Grabstein wurde mit dem Geld finanziert.
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Ein
letztes Beispiel: |
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Ich zitiere aus einem Brief eines Berliner Blumenhändlers,
Werner Burger. Er schrieb 1940 an seinen Freund Franz,
einen Flugzeugschlosser, eine Liebeserklärung: "So lieb,
wie ich Dich jetzt habe, das kann ich Dir gar nicht
beschreiben. Mir ist so, als wäre um uns eine ganz andere
Welt, wo es bloß Liebe und Sonnenschein gäbe. Möge es
bloß so bleiben, ich wäre der Glücklichste auf der ganzen
Welt ... mir ist alles wie im Traum. Trotzdem es so
arg ist in dieser Zeit, bin ich so glücklich... Hoffentlich
bleibt es so..." - Auch diese Äußerung, immerhin eine
Liebeserklärung, zeigt die wahrgenommene Gefahr. Werner
Burger wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt,
unbekannt ist, ob er sie überlebte. Sein Freund Franz
musste nach der Haft zur Frontbewährung in den Krieg.
Er starb an der Front in Stalingrad. Der Brief, den
Werner kurz vor der Verhaftung an Franz sandte, verdeutlicht
neben der Bedrohung aber auch zugleich, warum es sich
lohnte, trotz der außerordentlichen Gefahr, in der Homosexuelle
schwebten, trotz der Bedrohung durch Polizei und Strafjustiz,
die Wagnisse einzugehen, die so häufig ins Verhängnis
führten. -
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| Briefkopf
eines Schreibens von Franz |
Werner
und Franz, 1940 |
Auch
dieser Aspekt, er betrifft den Grund der Verfolgung,
bereitet immer noch Unbehagen. Bestehende Vorbehalte
und Abneigungen haben eine öffentliche Erinnerung an
die Homosexuellenverfolgung Jahrzehnte lang verhindert.
Aber auch jenseits der Homosexuellenfeindlichkeit bereitet
der Grund der Verfolgung ernst zu nehmende Schwierigkeiten,
wenn wir an die Verfolgten erinnern wollen. Die Schwierigkeiten
haben mit der Funktion des öffentliches Gedenkens in
unserer herkömmlichen politischen Kultur zu tun:
Welche Form der Erinnerung ist der Verfolgung homosexueller
Männer angemessen? Wie soll man einer Verfolgtengruppe
gedenken, wenn gerade das Intime Verfolgungsgrund war
und die Verfolgung mit einer nachhaltigen, traumatischen
Verletzung der Intimsphäre einherging? -
Das
Private war ein Politikum geworden.
Homosexuelle
galten als Staatsfeind und Volksfeind. Zunächst wurden
sie zu Staatsfeinden erklärt: sie würden mit ihren Beziehungen
und Freundschaften den NS-Staat mit seinen Männerbünden
bedrohen und zersetzen - Vorbild für dieses Bedrohungsszenario
waren homosexuelle SA-Führer, die beim so genannten
Röhm-Putsch 1934 ermordet wurden. Damit begann die Radikalisierung
der Verfolgung. Und damit wurde ein Stereotyp selbst
bei den NS-Gegnern hoffähig, das Homosexuelle potentiell
zu NS-Anhängern stempelte - ein Vorbehalt, der die Geschichtsliteratur
bis in die 90er Jahre durchzieht und noch immer anzutreffen
ist. Die Generalisierung eines solchen Vorbehalts und
das hartnäckige Festhalten daran ohne Differenzierungsinteresse,
hat es so weder bei den verfolgten Katholiken
noch bei den Verfolgten mit konservativer Gesinnung
gegeben. Hier liegt auch ein Grund dafür, dass wir beispielsweise
kaum etwas von homosexuellen Widerstandskämpfern und
Gegnern des NS-Regimes wissen. In der Geschichtsschreibung
zu Widerstand und Opposition, auch hier in Berlin, wird
die Homosexualität von NS-Gegnern unterschlagen und
verschwiegen, als ob es sich um ein Makel handele. -
Das sollte uns zu denken geben.
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Zurück
zur NS-Zeit: |
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Wie vollzog sich die Radikalisierung der Homosexuellenverfolgung?
In
Berlin wurde ab 1935 die Gestapo zuständig, die Homosexuelle
wie politische Gegner verfolgte.

Einen
wesentlichen Beitrag zur Verfolgung hat die Justiz geliefert.
Sie hat Homosexuelle durch ein neues Gesetz ab 1935
massenhaft kriminalisiert und die Verfolgung rasant
ausgeweitet. Das
Zusammenwirken von Polizei und Strafjustiz schuf eine
neue Gegnerdefinition: den homosexuellen Volksfeind.
An Stelle der Staatsbedrohung rückte die Ideologie der
Volksgemeinschaft. Der "Volkskörper", wie es hieß, schien
bedroht durch Homosexuelle, insbesondere durch Jugendverführer,
die als Volksschädlinge ausgemerzt werden sollten. Mit
dieser völkischen Wahnidee von Verführern und Verführten
wurde die Homosexuellenverfolgung nunmehr begründet
und vorangetrieben.
Und:
An dieser Wahnidee gegenüber Homosexuellen wurde bis
1973 festgehalten - bis zur Herabsetzung der 1935 eingeführten,
besonderen Schutzaltersgrenze ausschließlich für homosexuelle
Kontakte, die bei 21 Jahren lag.
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Erkennungsdienstliche
Aufnahmen von Heinrich K. mit Blutergüssen
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| Polizeifoto
von Heinrich K. |
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Bereits
vor Anklageerhebung wurden mildernde Umstände
ausgeschlossen. Daraufhin forderte die
Staatsanwaltschaft vor dem Sondergericht
die Todesstrafe für Heinrich K.
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Heinrich
K. verurteilt nach § 176 StGB und
§ 1 der "Schwerverbrecherordnung",
wurde am 5. Mai 1942 hingerichtet.
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Welches
Ausmaß erlangte die Homosexuellenverfolgung?
Während
der 12jährigen NS-Diktatur wurden in Berlin fast 17.000
Männer wegen des Verdachts homosexueller Betätigung
polizeilich verdächtigt und verhört - bei der damaligen
Einwohnerzahl war das jeder 100. männliche Berliner.
Über 5000 Männer wurden hier vor Gericht gebracht und
verurteilt, reichsweit waren es über 50.000. Allein
in Berlin haben mehr als 500 Männer die Verfolgung nicht
überlebt. - Diese Zahlen belegen: Die Verfolgtengruppe
der Homosexuellen ist durch massenhaften Terror geschaffen
worden. Diese Tatsache gilt es ebenso herauszustellen
wie den politischen Verfolgungsgrund, der sich auf das
Private und Intime bezog. Ich denke, dies sind zwei
wichtige Kriterien für eine angemessene Erinnerungskultur
an die spezifische Verfolgung homosexueller Männer.
Denn: Das einzige, was die Verfolgten miteinander verbindet,
sind oftmals lediglich die Tatsache des Verfolgtseins
und die Leidenschaft für das gleiche Geschlecht.
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Anzahl
staatsanwaltlicher Vorverfahren und Beschuldigter
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Angeklagte
in Hauptverfahren des Berliner Landgerichts
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Und
genau mit dieser Perspektive widmet sich diese Ausstellung
der Erinnerung an die Verfolgten. Präsentiert werden
ganz unterschiedliche Biographien und Schicksale.
Wir begegnen einem Arzt, Schauspieler, Tänzer und Choreographen,
einem Gerichtsassessor ebenso wie einem Gastwirt, einem
Hilfsarbeiter, Schlosser, Fleischer oder Rentner. Ihre
politischen Einstellungen unterscheiden sich mitunter
gravierend, Gegner des Regimes und NSDAP-Mitglieder
sind darunter. Die biographischen Brüche, ausgelöst
durch die Bedrohung und Verfolgung, gehen nicht selten
auch mit politischen Umorientierungen einher. Aus Zustimmung
und Loyalität wird Verzweiflung, Hass und Ablehnung,
für einige kommt diese Einsicht zu spät.
Auch die hier ausgestellten Leidenschaften differieren:
Transvestiten und Männerhelden sind zu sehen, Jungenliebhaber
ebenso wie Strichjungen. Die Vorlieben waren so vielgestaltig,
wie die Homosexuellenszene der damaligen Zeit: Private
Freundschaftskreise, öffentliche Toiletten, Parks, die
Badeanstalt in der Gartenstraße, diverse Lokale und
der Strich am Alexanderplatz.
Unter den gewalttätigen Verfolgungsumständen der damaligen
Zeit haben sich Homosexuelle nicht davon abhalten lassen,
ihre Form des Begehrens auszuleben, haben flüchtige
Abenteuer und dauernde Freundschaften gesucht und gefunden.
Diese Vielgestaltigkeit führt die Ausstellung anschaulich
vor.
In den Mittelpunkt wird nicht die Verfolgung, oder die
Verfolger, sondern die verfolgten Männer gestellt. Die
verschwiegenen Verfolgten erhalten hier einen Namen
und ein Gesicht wieder. Und: Hier wird kein Opfermythos
bemüht, um an die Verfolgten zu erinnern.
Die Ausstellung berührt durch die Biographien der Verfolgten,
ihre Lebensgeschichten, wobei auch ihre Liebesgeschichten
nicht verschwiegen werden. Machen Sie sich ein Bild
davon.
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Gulasch-Bar
und Cascade-Bar in der Rankestr. Observationsfoto
aus einer Ermittlungsakte des Homosexuellenreferats
der Gestapo im Mai 1938
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Bei
Aschinger, Postkarte 1935
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