Kulturnews 03/2015

Cornelia Jarisch:

.... und alles nur wegen der Liebe

Hermann Zimmermann mit Hedwig Trödel vor seinem Kajütenboot, Foto: Landesarchiv Berlin

Die Köpenicker Villenkolonie Karolinenhof war mitten im Bombenkrieg eine der letzten Idyllen Berlins. Hier traf sich der Schlosser Hermann Zimmermann nicht nur mit einer Treptowerin im Bootshaus zum Segeln, sondern auch mit jungen Männern. Er setzte sich damit großen Gefahren aus. Aufgrund seiner Beziehung zu einem Achzehnjährigen war er nach § 175 RStGB bereits 1939 für fünf Monate ins Gefängnis gebracht worden, verlor seine Arbeit im Wasserwerk Niederschöneweide und wurde aus der SS und der Anwartschaft auf die NSDAP ausgeschlossen. Bei einer erneuten Verhaftung 1944 drohte ihm das KZ, dem er durch das Kriegsende entging. Ein Freund schrieb ihm aus dem Strafgefangenenlager. Dort wurden Homosexuelle besonders gequält und von Mithäftlingen gemieden.
Die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 brutal verfolgten und isolierten Homosexuellen wurden als Opfergruppe bis in die Achtzigerjahre hinein totgeschwiegen – und häufig werden sie es auch heute noch. Erst 2002 wurden Verurteilungen nach §§ 175 und 175a (4) StGB in die Liste der per Gesetz aufgehobenen NS-Urteile aufgenommen. Zu einer Wiedergutmachung der Verbrechen an Homosexuellen kam es jedoch nicht.

Adolf Brand: Porträtstudie, Der Eigene 1906 Ausstellungskatalog 2000, Foto: Kulturhistorischer Verein Friedrichshagen e.V., Müggel-Verlag Rolf F. Lang

Die Arbeitsgruppe und die Projekte „Rosa Winkel“ beim Kulturring in Berlin e.V. verstehen sich als Vorhaben im Wandel der politischen Gedenkkultur, deren Ziel es ist, über Schicksale wie das von Hermann Zimmermann zu forschen und die meist zerstörten Lebenswege der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Kontinuierlich führen sie wissenschaftliche Recherchen durch, die sie in der ständig wachsenden Ausstellung „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ veröffentlichen. Die Ausstellung wurde 2004/2006 konzipiert und war im Kriminalgericht Moabit, im Deutschen Bundestag, der Akademie der Künste, dem Potsdamer Landtag und in zahlreichen anderen deutschen Städten zu sehen. Ab 26. März 2015 wird sie im Treptower Rathaus präsentiert, mit neuesten Erkenntnissen zum Bezirk Treptow-Köpenick. Dazu gehört zum Beispiel auch die Tafel zu dem Verleger, Dichter und Fotografen Adolf Brand, der in Wilhelmshagen schon 1903 einen Ort der Begegnung für Homosexuelle bot. Sein Leben lang von der Polizei beobachtet und zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt, war er der Gründer der ersten Homosexuellenzeitschrift der Welt „Der Eigene“ und versammelte Autoren wie Ludwig Renn, Thomas Mann und Klaus Mann sowie Erich Mühsam in seiner Zeitung. Zusammen mit dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld initiierte er eine Petition zur Abschaffung des Paragrafen 175 RStGB, jenes Paragrafen, der erst 1994 vollständig gestrichen wurde.


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