Kulturnews 04/2015

Michaela Kirschning:

Kunstkreuz 2015: Genug ist nicht genug?

Ein Kulturmonat zum Thema Bedürfnisse & Ressourcen
Projekt Bedürfnis & Ressourcen-Tafeln, Foto: Anastasia Marukhina

Gerade macht eine Karikatur im Internet die Runde, die auf humorvolle Weise ein Thema aufgreift, das derzeit viele Menschen bewegt. Da steht ein Redner auf einem Podest und fragt seine Zuhörer, wer von den Anwesenden eine Veränderung wünsche. Alle heben die Hände. Bei der zweiten Frage, wer sich selbst verändern wolle, bleiben hingegen alle Hände unten.
Die Einsicht in die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels der Gesellschaft im Hinblick auf gemeinsame Werte sowie den Umgang mit den verbliebenen Ressourcen wird von Vielen geteilt. Allerdings, so das Fazit des Netzwerkforschers Prof. Dr. Peter Kruse nach Auswertung seiner 2014 durchgeführten Studie „Deutschland im Wandel: Systemoptimierung oder Paradigmenwechsel?“, sei „das kulturelle Band gemeinsamer Werte und Überzeugungen in unserer Gesellschaft zum Zerreißen gespannt“. Die Studie hat ergeben, dass vier Fünftel der Befragten davon überzeugt sind, dass Deutschland eine Neuorientierung braucht. Was die Studie aber auch zeigt, ist, dass weite Teile der Bevölkerung sich abgehängt fühlen und Angst vor dem haben, was auf sie zukommt.
Am 5. Februar hat im Berliner Veranstaltungszentrum Kosmos der Kongress ZEITZEICHEN stattgefunden. Ziel der Veranstaltung war es, mit 300 Bürger_innen aus allen gesellschaftlichen Bereichen über Themen wie nachhaltige Entwicklung, gerechtere Bildungschancen oder wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe zu diskutieren. Teilgenommen haben auch Vertreter_innen des Kulturring und das nicht zuletzt aus aktuellem Anlass, denn in diesem Jahr ist das Kunstkreuz unter dem Motto „Genug ist nicht genug?“ dem Thema „Bedürfnisse und Ressourcen“ gewidmet. Im Rahmen eines Kulturmonats im Oktober 2015 wird das Kunstkreuz-Team berlinweit interessante Veranstaltungen (Ausstellungen, Lesungen, Diskussionen, Workshops, etc.) in einem Veranstaltungskalender zusammenfassen. Es ist unser Anliegen, durch eine Auswahl unterschiedlicher Themenbereiche und Ansätze den Facettenreichtum der Thematik abzubilden und eine Spurensuche anzuregen. Einrichtungen des Kulturring, wie zum Beispiel das Studio Bildende Kunst in Lichtenberg und der Kulturbund Treptow, planen dazu eigene Veranstaltungen. Unsere bisherige Recherche hat ergeben, dass es eine Vielzahl kultureller Projekte gibt, die sich im Hinblick auf Bedürfnisse und Ressourcen der Erforschung neuer Denkansätze widmen. Einige davon möchten wir Ihnen in den kommenden Monaten vorstellen. Dabei legen wir großen Wert darauf, kein einseitiges Bild entstehen zu lassen. Es geht uns in erster Linie darum, Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Ist unser derzeitiges Wirtschafts- und Sozialsystem wirklich so alternativlos, wie vielfach behauptet wird, oder brauchen wir vielleicht mehr Visionäre?
Dennis Meadows, der bekannte Mitautor der Studie „Die Grenzen des Wachstums“, in der bereits vor 40 Jahren vor den Gefahren eines ungebremsten Wachstums gewarnt wurde, sagte 2012 in einem im Spiegel veröffentlichten Interview:
„Dass es den Kollaps bisher nicht gegeben hat, muss nicht bedeuten, dass er auch in Zukunft ausbleiben wird. Dass die Welt sich verändern wird, steht außer Frage - und damit auch, dass wir uns mit ihr ändern. Entweder erkennt man rechtzeitig die Notwendigkeit für Veränderungen und leitet sie ein, oder man wird später dazu gezwungen. Stellen Sie sich vor, sie fahren mit ihrem Auto durch eine Fabrikhalle, und sie können nicht wenden. Sie können entweder bremsen oder gegen die Wand fahren. Anhalten werden sie in jedem Fall. Denn das Gebäude ist so endlich wie die Ressourcen der Erde.“
Heute unterstützt Meadows in den USA alternative Gartenprojekte, um die Selbstversorgung zu gewährleisten und ein neues Bewusstsein für den Wert von Nahrungsmitteln zu etablieren. Und auch hierzulande entsteht eine neue Form des städtischen Gärtnerns. Mittlerweile gibt es in Berlin zahlreiche öffentliche Gemeinschaftsgärten, in denen sich Menschen zusammentun, um auf brachliegenden Flächen Gemüse anzubauen und sich dabei auszutauschen. In Workshops (Stichwort: Permakultur) kann sich der Städter verlorenes Wissen wieder aneignen. Dahinter steht eine ganz eigene Philosophie. Welches Potenzial „Urban Gardening“ tatsächlich entfalten könnte, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass während des 2. Weltkriegs, nach einem Appell der Regierung, in den USA (1943) 42% der Versorgung mit frischem Obst und Gemüse aus den so genannten „victory gardens“, also aus privatem Anbau, stammte.
Geht es nach den Bedürfnissen der Menschen, dann verlangen viele Bereiche des öffentlichen Lebens nach neuen Konzepten. Darunter fallen auch die „Wohnungsfrage“ (Architektur & Städteplanung) und die Frage nach dem Umgang mit „Humanressourcen“, mit anderen Worten, die Umgestaltung der Arbeitswelt (Stichwort: bedingungsloses Grundeinkommen), um nur einige Beispiele zu nennen. Auch in der Bildenden Kunst ist ein Trend zu erkennen, sich mit der Ressourcenfrage auseinanderzusetzen. Neben der so genannten Recyclingkunst, einer Kunst, die auf der Verwendung von Abfallmaterialien basiert, setzen sich Künstler_innen auf vielfältige Weise mit dem Thema auseinander.
Das Kunstkreuz 2015 wird ab Mai im Internet ein Forum eröffnen, das dazu einlädt, sich zu Wort zu melden. Auf der Homepage, die wir derzeit entwickeln, wollen wir nicht nur bereits im Vorfeld zum Kunstkreuz auf interessante Seiten und Veranstaltungen zur Thematik hinweisen und über das eine oder andere Projekt ausführlicher berichten. Wir nehmen auch Hinweise und Tipps entgegen und veröffentlichen die Kommentare interessierter Bürger_innen. Auch in den KulturNews werden wir regelmäßig über bemerkenswerte Projekte berichten. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass neue Entwicklungen häufig von der jungen Generation ausgehen, die aus offensichtlichen Gründen noch nicht so etabliert und fest in ein soziales Gefüge eingebunden ist. Es sollte aber nicht vergessen werden, wie wichtig ein lebendiger Erfahrungsaustausch unter den verschiedenen Generationen ist. Insbesondere wenn es darum geht, Erfahrungen und Wissen, das in Vergessenheit geraten ist, wieder zugänglich zu machen und in neue Konzepte zu integrieren. Wir hoffen, mit einem Kulturmonat unter dem Motto „Genug ist nicht genug?“ zu einem lebendigen Austausch beizutragen und sichtbar zu machen, dass gesellschaftliche Teilhabe in vielen Bereichen möglich ist und bereits stattfindet.


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