Kulturnews 03/2018

Sarah Rüger:

Weiblich, engagiert und technikaffin

Seit über einem Jahr arbeiten drei Bundesfreiwillige im FrauenComputerZentrumBerlin (FCZB) mit.
Foto: FCZB

Aus einem kleinen Raum in einer Berliner Notunterkunft tönt lautes Stimmengewirr: Hier lernen jeden Donnerstag 15 geflüchtete Frauen aus der Unterkunft, selbstständig am Computer zu arbeiten. Fünf Frauen begleiten sie bei ihren ersten oder bereits erfahreneren Schritten am Computer – darunter eine Bundesfreiwillige: Seba übersetzt für die Frauen die Erklärungen der IT-Trainerin auf Arabisch, beantwortet ihre Nachfragen, hilft ihnen, wenn sie nicht weiterkommen oder die deutschen Begriffe in den Programmen nicht verstehen. Sie studierte Systemadministration in Syrien und arbeitete dort selbst als IT-Trainerin.
Geflüchtete Frauen aus der ganzen Stadt können das gleiche Angebot auch im FCZB in Kreuzberg nutzen. Ihre Kinder können sie während des Computerkurses ganz in der Nähe betreuen lassen. Im Familienzentrum Wrangelkiez - nur ein paar Minuten vom FCZB entfernt - kümmert sich Masouma, die zweite Bundesfreiwillige um die Kleinen. Sie und eine weitere Betreuungskraft bauen Bewegungsparcours auf, lesen vor, schaukeln die Babys in den Schlaf, füttern und wickeln sie.
Masouma stammt aus Pakistan und hat dort als Grundschullehrerin gearbeitet. Weil sie in Deutschland nur geduldet ist, aber keine Aufenthaltserlaubnis hat, wollten viele Arbeitgeber sie nicht einstellen.

Beide Seiten – Freiwillige und die Einsatzstelle - lernen voneinander.
Seba und Masouma kamen als Geflüchtete nach Deutschland und bauen sich in Berlin ein neues Leben auf. Der Bundesfreiwilligendienst ist für sie die erste Station, um das Berufsleben in Deutschland kennenzulernen: Wie alle Mitarbeiterinnen im Projekt „Digital Empowerment“ nehmen sie an den monatlichen Teamsitzungen teil, lernen typische Arbeitsabläufe kennen und übernehmen einzelne Aufgaben, z.B. Protokolle schreiben. Sie wenden so ihre Deutschkenntnisse an und lernen berufsbezogenes Deutsch.
Seba und Masouma bereicherten das Projekt „Digital Empowerment“, in dem sie 2017 mitarbeiteten, sehr: Durch ihren eigenen Fluchthintergrund und ihre vielseitigen Sprachkenntnisse fungierten sie als Brückenbauerinnen zwischen den Kulturen. Sie begrüßten die meisten Frauen und Kinder in deren Muttersprache und beantworteten Fragen. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, die Teilnehmerinnen fühlen sich von Beginn an wohl. Dank Sebas Übersetzungen können Frauen dem Unterricht folgen. Masoumas Erfahrung als Mutter und Lehrerin erleichterte den Umgang und die Kommunikation mit den vielen Müttern aus dem Iran und Afghanistan, wenn es z.B. darum geht zu erklären, warum ein langsames Eingewöhnen für Kinder wichtig ist.

Foto: FCZB

In den Teamsitzungen brachten Seba und Masouma immer wieder einen anderen Blick ein und regten einen anderen Umgang mit Themen an. Und sie sind role models, also Vorbilder für die Teilnehmerinnen, die sich heute an dem Punkt befinden, an dem die beiden vor mehreren Jahren standen. So machen sie deutlich: Mit guten Deutschkenntnissen, Engagement und Durchhaltevermögen schafft ihr es, ein eigenständigen Leben aufzubauen.

Fachkenntnisse anwenden und ausbauen
Seit gut sechs Monaten arbeitet Katharina, die dritte Bundesfreiwillige, im FCZB und unterstützt dort die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie kennt den Weiterbildungsträger schon, denn sie war Teilnehmerin einer Fortbildung zu Content- und Social-Media-Management. Jetzt freut sie sich, hier erste Berufserfahrungen sammeln zu können. Sie schreibt Blogbeiträge und Website-Texte, koordiniert mit dem PR-Team Social Media-Auftritte und übernimmt weitere Aufgaben, die in dem Ressort anfallen. Aktuell plant sie, über Themen wie Frauenwahlrecht, Datenschutz, Arbeit und Digitalisierung, zu schreiben. Auf Veranstaltungen vertritt sie - mit einer erfahrenen Kollegin an ihrer Seite - das FCZB, beantwortet Fragen von Interessentinnen rund um die Fortbildungen und entwickelt so ein Gespür für die Zielgruppen. Dieses Wissen fließt dann wieder direkt in die Texte für und die Ansprache von möglichen Teilnehmerinnen.
Katharina hat ihren Dienst im FCZB um sechs Monate verlängert, um noch tiefer einzutauchen: „In der Öffentlichkeitsarbeit habe ich jeden Tag neue Herausforderungen – das gefällt mir, und ich lerne viel. Dadurch kann es schon mal ganz schön stressig werden, aber es wird auch nicht langweilig. Nach sechs Monaten nehme ich vor allem Selbstbewusstsein für mich und meine Arbeit mit."

BFD als Sprungbrett
Auch Seba und Masouma ziehen eine positive Bilanz nach knapp einem Jahr BFD: Seba hat die Zeit genutzt, um sich über die nächsten Schritte klar zu werden. Sie wird nach ihrem Sprachkurs eine technische Weiterbildung besuchen, um ihre IT-Kenntnisse auf den aktuellsten Stand zu bringen und sich dann auf eine feste Stelle zu bewerben.
Für Masouma hat der BFD als Sprungbrett funktioniert: Sie bleibt dem FCZB und dem Projekt „Digital Empowerment“ erhalten - als Festangestellte. Die Ausländerbehörde stimmte trotz ihrer Duldung einer Anstellung zu – ein Meilenstein für sie und ein großes Glück für das FCZB!

Über das FCZB:
Seit der Gründung 1984 beschäftigen sich im FCZB Frauen mit Technik, deren Folgen und Chancen der Digitalisierung. Aus kleinen Computerkursen entwickelte sich über die Jahre eine berlinweit bekannte Bildungseinrichtung, in der Frauen aller Niveaus in ihrem eigenen Tempo und in einem geschützten Rahmen Computerkenntnisse aufbauen und verbessern können – von MS Office über Buchhaltung bis zu Social Media. Aktuell arbeiten knapp 30 Frauen im FCZB.
(Die Autorin leitet das Projekt „Digital Empowerment“)


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