Kulturnews 11/2008

Hartmut Gering/Holger Ramlow:

Kein Vergleich – Schinko und Strozynski

oben: U. Strozynskis, Ferropolis II, Collage, 2005, Foto: (unten) André Osbahr

Nein, um einen Vergleich geht es hier wirklich nicht. Vielmehr soll an beiden Beispielen gezeigt werden, wie reichhaltig und vielfältig das Ausstellungsangebot des Studios Bildende Kunst in der Lichtenberger John-Sieg-Straße ist.
Werner Schinko war da. Der durch seine Bilder, Skulpturen und Buchillustrationen weit bekannte Künstler erschien zur gut besuchten Vernissage Anfang September. Bereits eine halbe Stunde vor der offiziellen Eröffnung – dichtes Gedränge in der altehrwürdigen Villa Skupin. Vielen kunstinteressierten Bürgern der ehemaligen DDR gilt dieser Name von klein auf als Inbegriff von anspruchsvoller Malerei und Grafik in Techniken wie Siebdruck, Gouache, Aquarell, Linol- und Holzschnitt. Andächtige Stille bei den etwa 100 Besuchern der Vernissage, als Gudrun Schulz, Universitätsprofessorin für Deutsche Sprache und Literatur an der Hochschule Vechta, ihre Laudatio auf den 79jährigen Künstler hielt. Sie würdigte sein bis zum heutigen Tag weit über 50 Jahre währendes, außergewöhnlich vielfältiges künstlerisches Schaffen, von dem im Studio eine kleine, aber dennoch repräsentativen Auswahl zu sehen war.
Die beiden ältesten Bilder dieser Ausstellung, Mühlendammschleuse (1952) und Markthalle Alexanderplatz (1952) zeigen uns heute schon historische Ansichten von Berlin, betonte sie. Zu dieser Zeit studierte Schinko an der Kunsthochschule in Weißensee, unter anderem bei Werner Klemke, den er sehr verehrte. Obwohl er nach kriegsbedingter Zwangsumsiedlung seine Wahlheimat im mecklenburgischen Städtchen Röbel gefunden hat, „war Berlin immer ein Fixpunkt in Schinkos Arbeit“, so zum Beispiel in Zille und Brücke (1986). Abschließendes Credo von Gudrun Schulz: „…Aber diese Leichtigkeit, der man die Mühen nicht mehr ansieht, wie hier an den Bildern in dieser Ausstellung, die machen das Können des Künstlers Werner Schinko und unsere Freude beim Betrachten aus.“
Nach kurzen, bewegten Dankesworten von Schinko für die Einladung nach Berlin und einem kleinen Brückenschlag von seinen künstlerischen Anfängen in der kriegszerstörten Stadt bis zu den Schwierigkeiten beim Erwerb eines BVG-Fahrscheines für den heutigen Weg ins Studio eröffnete Antje Mann vom Kulturring die Ausstellung offiziell. Das Büfett mit Mecklenburger Schmalzbroten, sauren Gurken und Wein wurde regelrecht gestürmt. Dazu wollten die leisen Klänge des Klassik-Gitarristen Jan Fretwurst – freundlich und anspruchsvoll wie Schinkos ausgestellte Werke, so der Musiker, – nicht recht passen. Einhelliger Eindruck der passionierten Kunstfreunde beim folgenden Rundgang: Diese Ausstellung ist eine wahre Augenweide, eine Fundgrube, ein Genuss für die Sinne. Entsprechend gefragt war Schinko an diesem Abend beim Publikum. Diese Exposition zeige anschaulich die Einheit von Landschaft, Tier und Mensch in ihrer Vielfalt, meinte er. Neben Gesprächen gab es auch Autogramme mit persönlichem Signet vom Künstler, zum Beispiel Kirchtürme oder Möwen.
Nach dem gelungenen Auftakt folgten Wochen mit einer großen Zahl begeisterter Besucher. Zu den originellsten Werken, so die häufig gehörte Meinung, zählte ein Siebdruck mit einem vom Notenblatt singenden Pirol!
Seit dem 15. Oktober gibt es einen neuen Höhepunkt: Ursula Srozynskis Maschinenwelten.
Klare, überwiegend baulich-technische Strukturen beherrschen nun die Wände des Studios. Ursula Strozynski, deren Arbeiten sich u.a. in der Nationalgalerie in Berlin und im Jüdischen Museum in New York befinden, präsentiert ihre Bilder in allen Räumen der Villa. Bei der Vernissage war Improvisationstalent gefragt, denn kurzfristig stellte sich heraus, dass der Laudator wegen plötzlicher Erkrankung passen musste. Bei der Begrüßungsansprache erläuterte deshalb der Vertreter des Kulturrings verschiedene Möglichkeiten der Bildbetrachtung. Tatsächlich bevorzugen Besucher variierende Herangehensweisen. Einige verschaffen sich zunächst einen flüchtigen Überblick, um anschließend verstärkt einzelne Werken zu betrachten, andere konzentrieren sich schnell auf „ihre“ Favoriten. Allerdings kann man sich die Bilder einer Ausstellung auch regelrecht erarbeiten. Während die Arbeit des Künstlers nach der Hängung seiner Bilder zumindest vorläufig endet, besteht die Aufgabe der Besucher darin, sich diese zu erschließen. Eine Anregung, welche die Gäste der Vernissage angesichts der überzeugenden Ausstellung gerne aufnahmen.
Die meist in dunkleren Farben gehaltenen Werke vermitteln teilweise eine nüchterne, manchmal sogar gespenstische Stimmung, lassen jedoch immer Raum für persönliche Empfindungen und Eindrücke. Dabei kommen Ursula Strozynskis Bilder überwiegend ohne Menschen aus. Die 1954 in Dresden geborene Künstlerin hat Architektur studiert, und dieser Einfluss lässt sich nicht verleugnen. Mit wenigen Strichen hält sie das Wesentliche fest. Ursula Strozynski „entdeckt“ für den Betrachter leere Hinterhöfe, Hallen, Fassaden etc. und schafft eine unterkühlte urbane Poetik mit ungewöhnlichem ästhetischen Reiz. Mittels reduzierter Linien erfasst die Künstlerin schnell eine städtische Situation, akzentuiert durch hineingesetzte Farbfelder und erschafft so die Spannung in ihren Motiven. Die teils strengen Kompositionen wirken gleichsam wie stenographierte Stimmungen. Ursula Strozynskis Werke sind geprägt durch unterschiedliche Techniken. Während der Besucher des Studios Bildende Kunst in den unteren Räumen der Galerie Mischtechniken, Collagen und Tuschezeichnungen bewundern kann, erwarten ihn im Salon auch Arbeiten mit Kohle und einige Reservage-Techniken. Bei letzterer Methode werden farbige Flächen (meist Öl oder Acryl) durch weiße Farbe abgedeckt.
Noch bis zum 13. November können die Gäste des Studios diese anspruchsvolle Ausstellung besichtigen.


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