Kulturnews 12/2008

M. B. / I. K:

AKTE R

Foto: Joerg Metzner

1985: Marko ist 17 als er sich in Budapest in einen West-Berliner Politiker verliebt. Marko ist Bürger der DDR, ein lebensfroher, eher unpolitischer junger Mann. Nun will ihn die Stasi zwingen, seinen Liebsten als IM zu bespitzeln.
1987: Marko sitzt – nach einem misslungenen Fluchtversuch – im Stasi-Knast Hohenschönhausen. Er hatte sich geweigert, für die Stasi zu arbeiten. Nun wird er unablässig verhört.
1999: Marko trifft im wiedervereinigten Deutschland seinen damaligen Stasi-Peiniger wieder. Der Alptraum kehrt zurück.
Akte R ist ein Theaterstück für Menschen ab 15, in dem das wechselvolle Schicksal von Mario Röllig erzählt wird. Dieser steht nach jeder Vorstellung zu einem Nachgespräch zur Verfügung. Besuche von Schulklassen werden theaterpädagogisch betreut. Drei Schwerpunkte der Inszenierung werden hierbei auf einer persönlichen und auf einer gesellschaftlichen Ebene genauer untersucht. Im ersten Teil steht die Szene, in der ein Kontaktoffizier der Stasi Marko als IM anwerben möchte im Mittelpunkt der Diskussion: Was machst Du, wenn Du Deine große Liebe bespitzeln sollst und Dir dafür alle materiellen Wünsche erfüllt werden? Was ist Loyalität, was ist Verrat? Über welches Wertesystem für meine Entscheidung verfüge ich? Was wäre passiert, hätte Marko mit der Stasi zusammengearbeitet? Wie sah das Bespitzelungssystem der Stasi aus? Welche Konflikte tragen Bespitzelte heute noch aus? Können wir die IMs verurteilen?
Im Mittelteil der Inszenierung wird eine Verhörszene im Stasiknast anhand folgender Fragen analysiert: Was ist Machtmissbrauch? Was bedeutet die Verletzung der Intimsphäre? Was ist Isolation? Wie entstand die ambivalente Beziehung zum Vernehmer? Welche Methoden wandten die Vernehmer an? Wer war aus welchem Grund in der DDR inhaftiert? Wie sah eine Untersuchungshaft in Hohenschönhausen aus? Die Wiederbegegnung mit dem Vernehmer aus dem Knast im KaDeWe führt uns zu weiteren Fragen. Wie gehe ich mit Schuld um? Was ist Reue? Wie lebe ich mit einer posttraumatischen Belastungsstörung? Warum entschuldigt sich der Vernehmer nicht? Wie ist die Situation von ehemals Inhaftierten und Stasi-Mitarbeitern heute? Warum kommt der Vernehmer besser im Leben zurecht? Wie ist der Umgang mit Schuldigen nach dem Ende von Diktaturen? Was kann man tun, um die Situation zu verbessern?
Sicher gibt es nicht immer auf alle Fragen schlüssige Antworten - doch wichtig ist, dass junge Menschen sich mit ihnen auseinander setzen. Maraike Dobriczikowski, 15 Jahre alt, machte genau das und schrieb zu dem Stück in der Berliner Zeitung am 10.11. u.a.: „Eine wichtige Rolle nimmt ... die Musik ein, die die Zuschauer in Kombination mit der erstaunlichen Präsenz der Schauspieler und der einfachen, aber beeindruckenden Kulisse in ein Stimmungsbad der Gefühle versetzt und derart fesselt, dass das Ende eine überwältigende Wirkung hat. ‚Akte R‘ ist ein eindrucksvolles, geschickt inszeniertes und sehenswertes Theaterstück - der Applaus des Premierenpublikums legte sich erst nach vielen Minuten der Begeisterung.“
Termine Theater Srahl – Gedenkstätte Hohenschönhausen – siehe Seite 8 und 20, Tickets und Infos: 69599222 www.theater-strahl.de


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