Kulturnews 04/2009

Dr. Jörg Weidler:

Der Aufklärer

Foto: Reno Döring

Ein bekannter Mann in der DDR und seit fast 20 Jahren in ganz Deutschland im Zusammenhang mit Sternen war zu Gast im Treptower Kulturbundclub: Dieter B. Herrmann. Durch seine Aufgaben als Direktor der Archenhold- Sternwarte in Treptow und des Zeiss- Großplanetariums an der Prenzlauer Allee bis 2004, durch seine Arbeit im DDR-Fernsehen in AHA, durch seine schriftstellerische Tätigkeit, durch seine wissenschaftlichen Forschungen und durch seine URANIA-Vorträge war er dem Publikum gut bekannt. Was war für einen solchen prominenten Mann in seinem bisherigen Leben entscheidend? Schließlich war er in zwei Welten Astronom. Und er wurde unlängst 70 Jahre alt. Vielleicht fasst ein Zitat von Bruno H. Bürgel seine Maxime am besten zusammen: „Großes geht von Sternen aus, sie führen uns zum Wissen über die Welt, zu einer ‚Weltanschauung’, sie heben uns empor über den Alltag, sie belehren uns über die Stellung des Menschen im Weltganzen, sie führen zu einer vertieften Betrachtung aller Erscheinungen der Natur und des Lebens, machen uns frei von engstirniger, kleinlicher Gesinnung.“
Dieter B. Herrmann war und ist Aufkärer in beiden Gesellschaftssystemen. Ein wahrhaft freier Geist. Er sagte stets, ob in Ost oder West, was ihm nicht passte. Er ließ sich niemals verbiegen. Was macht ihn aus? Was macht ihn einzigartig unter den Wissenschaftlern und Propagandisten des Weltalls und der Sterne, wodurch er national und international so bekannt wurde? Das ist zum einen seine lebenslange Begeisterungsfähigkeit für alles, was mit Astronomie und Physik zu tun hat, zum anderen seine im Leben praktizierte Einheit von Wissenschaft und Kunst. Das spürte man auch hier im Club, wo er voller Leidenschaft über sein Leben sprach. Er schrieb seine Diplomarbeit beim bekannten Physiker Walter Friedrich, einem Schüler von Röntgen, seine Dissertation (A) bei Wattenberg, seinem Vorgänger in der Archenhold-Sternwarte, und bei Herneck. Er sprach auf verständliche Weise über Bücher (zumeist wissenschaftlicher Art), die in seinem Leben wichtig waren, die er las und die unbedingt den Zuhörer mitzuteilen sind, mit der ihm eigenen Rhetorik und Souveränität. Dieter B. Herrmanns Bekanntschaft, ja Freundschaft, mit Lotte Loebinger und mit Hanns Eisler, um nur zwei zu nennen, finden in seinem autobiographischen Buch ihre Würdigung. Dass er als Junge von ungefähr 12 Jahren die ersten Erfahrungen mit der „Bühne“ machte, in seinem Studium im „Kabarett der Physiker“ erfolgreich war, das Programm für die Premiere des Zeiss- Planetariums erstellte und ein Fan von Richard Strauss und seinen Opern wurde, sei in diesem Zusammenhang nur erwähnt. In der Diskussion sprach er voller Empörung über die Abschaffung des Astronomieunterrichts trotz breiten Protestes in Sachsen. Die Ignorierung der Basisdemokratie wäre heutzutage ein Skandal und unterscheide nicht DDR-Verhältnisse von den gegenwärtigen. In Deutschland herrsche gegenwärtig kein gutes Klima für wissenschaftliches Arbeiten. Immer war er ein Aufklärer. Das lag ihm sicher – in Ost wie auch in West. Nicht zufällig sind die letzten Worte in seiner Autobiographie:„...Aufklärung! Ein altmodischer Begriff für manche. Doch der letzte Beweis dagegen ist nicht erbracht, solange nicht der letzte Versuch gewagt ist.“


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