Kulturnews 06/2009

Ingo Knechtel:

Mensch wo bist Du?

Foto: Christian Reichelt

Vier Damen über 50, vielleicht auch über 60, schaffen den Ansturm kaum. Sie stehen nahe dem Weserufer. Jede hat ihre ganz spezielle Aufgabe. Sie bereiten Falafel zu, eine vegetarische Köstlichkeit, noch dazu mit Zutaten in einer Menge, die unsere Vorfreude enorm anwachsen lässt. Die Damen kommen von einer Jugendkirche in Schleswig-Holstein. Sie sind ehrenamtlich bei der Arbeit. Es ist Kirchentag in Bremen, und die Teilnehmer und Gäste wollen verköstigt werden. Der erste Abend des Großereignisses steht unter dem Namen Abend der Begegnung. Wenn man davon ausgeht, dass Begegnungen immer hungrig und durstig machen, muss es davon unzählige gegeben haben. Denn entlang der Wallanlagen des Zentrums reiht sich ein Verkaufsstand an den anderen, die große Mehrzahl bestückt mit liebevoll selbst gefertigten Speisen und gesunden Getränken. Ein Durchkommen ist sehr zeit- und kraftaufwändig: Menschenmassen überall, vom Hauptbahnhof zum historischen Markt mit dem Roland und den Bremer Stadtmusikanten, ja bis zum Weserufer. Natürlich ist alles geöffnet. Und überhaupt ist es bewundernswert, wie diese Stadt den Ansturm der Hundertausenden verkraftet: freundlich, gelassen, hilfsbereit, unaufgeregt und mit vollem Einsatz. Bremen bewegt sich am Limit, der innerstädtische Verkehr, auch der mit Bussen und Straßenbahnen, kommt zeitweise zum Stillstand, Fahrpläne sind außer Kraft, das volle Personal ist ununterbrochen und mit Überstunden im Einsatz – und schließlich kommen doch alle an ihr Ziel.
Auch viele der Mitwirkenden am Markt der Möglichkeiten in der Überseestadt, anfangs etwas skeptisch wegen diverser logistischer Veränderungen, können resümierend feststellen: Wir haben die erhofften Ziele erreicht. Traditionell nimmt auch der Kulturring an diesem Markt mit einem eigenen Stand teil. In einem Zelt angesiedelt neben der Friedrich-Ebert-Stiftung und gegenüber der Konrad-Adenauer-Stiftung im Marktbereich für Bürgerschaftliches Engagement, hat er sich vorgenommen, genau darüber zu informieren. Und er will dazu auch, besonders unter jungen und jüngsten Besuchern, unter dem Motto „Unser Kapital belebt“ deutlich machen, mit welchen Ressourcen bürgerschaftliches Engagement diese Republik bereichert. Eine überdimensionale Spritze flößt dem Bundesadler dieses Kapital ein – und speziell die jungen Leute werden angeregt, sich ihres Engagements und ihrer Rolle bewusst zu werden. Viele fragen anfangs nach dem Sinn des Ganzen, verstehen die Absicht nicht. Aber konkret befragt, können sie meist ganz viel aufzählen von dem, was sie freiwillig tun, in ihrer Gemeinde, in der Schule, in ihrer Freizeit, um anderen zu helfen, um unentgeltlich wichtige Arbeiten zu erledigen. Und während sie dies auf kleinen Zetteln aufschreiben, schließt sich für viele der Kreis, und sie erkennen, wie unentbehrlich ihr Engagement für das Zusammenleben in der Gemeinschaft ist. Weit über 100 von ihnen füllen die Spritze mit „Vitaminen“, die am Ende symbolhaft für ihre Taten für die Menschen stehen und zu Zeiten der kapitalen Wirtschaftskrise ein wahres Kontrastprogramm darstellen.
Natürlich gibt es auch am Kulturring-Stand Kontraste. Da reihen sich Ausstellungstafeln zu den Forschungen der „Rosa Winkel“-Teams über die Homosexuellenverfolgung an großformatige Fotos zu verschiedenen kulturellen und sozialen Projekten und Veranstaltungen und werden ergänzt durch eine Vielzahl von Publikationen, von denen besonders das vor kurzem erschienene Buch mit Kinderliedern aus Reinickendorfer Kitas großes Interesse findet. Vereinsvorsitzender Dr. Schewe und die anderen der „Standbesatzung“ sind gesuchte Gesprächspartner, mögliche Projekte werden diskutiert, Kontakte angebahnt. Geredet wird z.B. mit Erziehern, Lehrern und Sozialarbeitern über Kinderrechte, auch mit einem Gast aus Kenia über die medienpädagogischen EU-Projekte des Kulturrings, und Vertreter des Völklinger Kreises interessieren sich intensiv für die Geschichte des Forschungsprojekts zur Schwulenverfolgung.
Einiges von all dem wird nachwirken. Viele Fragen sind noch zu besprechen, viele der auf dem Markt präsentierten Ideen sind auch kontrovers. Aber sie beleben den Diskurs. Und es ist schön, dabei zu sein. Denn es ist keine kirchliche Gemeinschaft, die sich hier trifft, sondern eine für alle offene, eine Gemeinschaft, die zuhört und hilft, die zupackt und die verändern will. Jeder einzelne Mensch ist für sie wichtig. Ob er nun Posaune im Jugendorchester spielt, ob er ein Fußballteam oder einen Handarbeitskurs leitet, ob er Behinderte betreut … oder ob er die köstlichsten Falafel der Welt für die Kirchentagsbesucher bereitet. Hier ist er, der Mensch, hier darf er Mensch sein.


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