Kulturnews 11/2009

Hannelore Sigbjoernsen / Haiko Hübner:

„DO IT Democracy“ – Fortsetzung erwünscht

Foto: Autor

Es waren zuerst die türkischen Teilnehmer der internationalen Jugendkonferenz, die sich für das nächste Jahr ein erneutes Treffen wünschten. Sofort aber wurde von allen zugestimmt, auch dazu, dass dieses Treffen dann in der Türkei stattfinden soll. Das diesjährige vom 27.09. bis 4.10. fand zunächst in Gdańsk und dann in Berlin statt.
Alle der an die neunzig Teilnehmer aus europäischen Ländern und einer Gruppe aus den USA waren der Meinung, dass die gemeinsamen Tage zu kurz waren, mehr Zeit zum Gespräch notwendig gewesen wäre und es längst an der Zeit sei, dass Jugendliche ihre eigenen Programme zur Durchsetzung von Demokratie in ihren Ländern entwickeln müssten. Sie hatten in den gemeinsamen Tagen viel über die jüngste Geschichte Polens und Deutschlands gehört, über die revolutionären Auseinandersetzungen im polnischen Nachbarland seit 1980, über die Entwicklungen in der ehemaligen DDR seit dem 17. Juni 1953 und über die Zuspitzungen in den osteuropäischen Ländern bis hin zum Mauerfall in der DDR 1989.
Während sich die polnischen Schüler des 6. Lyzeums Gdańsk auf das Treffen mit Vorträgen zu den Themen „Straßen zur Freiheit“, „Der Runde Tisch und seine Symbolik in der Geschichte, Literatur und Kunst“ sowie zur „Friedlichen Revolution 1989“ vorbereitet hatten, erarbeiteten sich die Jugendlichen des Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasiums in Berlin in den Workshops gemeinsam mit den Teilnehmern die Geschichte des 17. Juni 1953, das Funktionieren der lokalen Runden Tische in der ehemaligen DDR sowie Ideen und Möglichkeiten zur Teilnahme an politischen Prozessen zur Durchsetzung von Demokratie in der Gegenwart. Alle Jugendlichen der deutsch-polnischen Vorbereitungsgruppe waren bestens auf ihre Aufgaben vorbereitet und hatten viel Phantasie darauf verwendet, ihre Themen nicht als ermüdende Vorträge abzuhandeln, sondern mit unterschiedlichen Materialien und Mitmachaktionen lebendig zu gestalten. Dazu gehörte auch eine Graffiti-Aktion in einer ehemaligen Werkhalle auf dem historischen Gelände der Gdańsker Werft zum Thema „Symbole der Freiheit“. Hier entstanden äußerst kreative und farbenfrohe, von den jeweiligen Erfahrungen der Jugendlichen in ihren Ländern geprägte Banner und Plakate.
Eine Dampferfahrt zur Westerplatte, die Informationen über das Kriegsgeschehen dort wie auch die Stadtführung durch die wieder aufgebaute Gdańsker Altstadt waren für die amerikanische Jugendgruppe ganz besondere Ereignisse. Nie zuvor hatten sie Gelegenheit, so unmittelbar Geschichte und Geschichten des II. Weltkrieges zu erfahren. Der gesamte Zeitraum in Gdańsk wie in Berlin war geprägt von der Begegnung mit Menschen, Orten und Symbolen der jüngsten Geschichte beider Länder, war geprägt von der Zielvorstellung, wie sie die Schirmherrin und der Schirmherr des Treffens, Gesine Schwan und Lech Wałęsa zum Ausdruck brachten, nämlich gemeinsam den Weg in ein friedliches und demokratisches Europa zu gestalten und dafür aus der Vergangenheit zu lernen. Ein Höhepunkt für alle war die Teilnahme an einem Jugendforum in der Ostsee-Philharmonie in Gdańsk zum Thema „Demokratie“ mit Lech Wałęsa und, für zehn – selbstverständlich demokratisch ausgewählte – Schüler aus Polen und Deutschland, die persönliche Begegnung mit ihm anlässlich seines Geburtstags.
Im Stadtparlament von Gdańsk und im Berliner Abgeordnetenhaus gab es die Möglichkeit, direkt mit Politikern ins Gespräch zu kommen. Beeindruckend und äußerst emotional waren die Begegnungen mit führenden Organisatoren der Streiks auf der ehemaligen Lenin-Werft in Gdańsk, darunter Bogdan Borusewicz, dem heutigen Präsidenten des polnischen Senats, wie auch das Zusammentreffen mit Protagonisten der Opposition gegen das DDR-Regime in der Zionskirche, u.a. Carlo Jordan, Mitbegründer der grünen Partei der DDR und deren Sprecher am Zentralen Runden Tisch. Diese Gespräche brachten nicht nur Aufschluss über die Unterschiedlichkeit der Voraussetzungen zum historischen Wandel in Polen und Deutschland, sondern ebenso über die heutigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in beiden Ländern.
Auch die Filme „Wege zur Freiheit“ und „Das Leben des Anderen“ sowie das anschließende Gespräch mit dem Schauspieler Charly Hübner trugen viel zum Verstehen der Zeit vor 20 Jahren bei. Ob während des Stadtspiels in Berlin, bei dem anhand von Fotos historische Bauwerke und Denkmale zu finden waren, oder während der nächtlichen Besichtigungstour durch die deutsche Hauptstadt oder bei den gemeinsamen Mahlzeiten und der Busfahrt von Gdańsk nach Berlin – Unterhaltung, Spaß und Lerneffekt waren überall dabei. Schon, dass während der Veranstaltungen nur englisch gesprochen wurde, war für viele eine lehrreiche Erfahrung. Dass nicht jedes Essen jedem schmeckte oder – wegen der Gesundheit oder Religion – nicht gegessen werden konnte, trotzdem aber niemand hungrig bleiben durfte, war für die Organisatoren manchmal ein Stressfaktor; nicht weniger auch die Unterschiedlichkeit der Temperamente, der Arbeitsweisen, der Zuverlässigkeit.
Doch es war ein großes, es war ein ehrgeiziges Projekt, das vom Kulturring in Berlin e.V. und der Gesellschaft für Europabildung gestartet wurde, und es ist gelungen! Dafür ist besonders auch dem Europäischen Zentrum für Solidarität mit Jacek Kołtan zu danken.


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