Kulturnews 09/2010

Michael Nungesser:

Fotogalerie Friedrichshain wird 25

Schmelzer, aus dem Zyklus Betriebsalltage, 1985, Foto: Georg Krause

Berlins älteste Fotogalerie feierte ihren Geburtstag am 26. August 2010 mit der Eröffnung einer Überblicksausstellung zum 25-jährigen Bestehen. Gegründet wurde sie 1985 als Galerie des Bezirks Friedrichshain unter dem schlichten Namen FOTOGALERIE. Diese erste, weithin anerkannte Fotogalerie der DDR trägt der gewachsenen Wertschätzung des Mediums Rechnung und entwickelt sich bald zu einem beliebten Anziehungspunkt der Fotoszene – integriert ist damals auch ein Café, das zu Gespräch und Begegnung einlädt. Im Erdgeschoss eines neu erbauten Wohnbaues nahe der Warschauer Brücke am Helsingforser Platz eingerichtet, ist die Galerie dank großer Transparente am Haus von weitem von Straße und S-Bahn aus zu sehen – heute verhält es sich noch immer so.
Die Geschichte der nicht-kommerziellen Fotogalerie Friedrichshain weist inhaltliche Kontinuität auf, trotz organisatorisch-existenzieller Fährnisse in teils unruhigen Zeiten. Sie lässt sich in drei Etappen aufteilen. Die erste umfasst die Jahre bis zum Ende der DDR. Die zweite Etappe bezieht sich auf die nachfolgende Dekade, in der die Galerie als kommunale Einrichtung des Bezirks in einem neuen, in stetem Wandel sich befindlichen und nun gesamtstädtischen Umfeld fortgeführt wurde. Als schließlich – nach der Bezirksfusion – Friedrichshain-Kreuzberg von der Trägerschaft zurücktritt, droht zeitweilig die Schließung. Ab 2002 übernimmt der Kulturring in Berlin e.V. die Verantwortung für Bestand und Fortentwicklung der Fotogalerie. So steht zu hoffen, dass auch die dritte Etappe eine fruchtbare und mithin lange bleiben möge.
Schwerpunkte der Arbeit ist internationale zeitgenössische Fotografie, die sich mit Leben und Alltag, mit Individuum und Gesellschaft auseinandersetzt – engagierte Fotografie. Einzel- und Gruppenausstellungen wechseln sich ab – mal Retrospektiven, mal aktuelle Positionen. Städte oder Länder stehen im Mittelpunkt, Themen oder fotoästhetische Reflexionen, Menschen oder Dinge. Schwarzweiß dominiert, Farbe und digital von Fall zu Fall, Experimentelles gelegentlich. Nur in den frühen Jahren können eigene oder mit anderen Ausstellungshäusern edierte Kataloge erscheinen – inzwischen antiquarische Raritäten. Manchmal bilden unabhängig entstandene Publikationen Anlass zur Bilderschau. Nur Archiv und Pressespiegel bieten einen lückenlosen Rückblick. Er entfaltet ein breites, facettenreiches Bild: lebendige (Foto-)Geschichte. Aus der Fülle der rund acht bis zehn Ausstellungen pro Jahr – oft in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen – können nur wenige beispielhaft hervorgehoben werden .
In der Debütausstellung der Fotogalerie wird Richard Peter sen. gezeigt – Senior auch der sozialdokumentarischen DDR-Fotografie. Unter den Jüngeren, mit neuen Sichtweisen, erhalten Arno Fischer, Ulrich Wüst, Bernd Heyden, Roger Melis, Eberhard Klöppel, Horst Sturm, Helga Paris und Peter Leske Personalausstellungen. Aus dem Ausland sind Fotos von Eva Siao (China), Tina Modotti (Mexiko), Imogen Cunningham (USA), Sebastião Salgado (Brasilien) und Gordon Parks (USA) zu sehen. „Berlin in historischen Fotografien“ von 1987 lenkt den Blick anlässlich der 750-Jahrfeier auf die Stadt selbst. Die Ausstellung „Grenzfälle“ macht – ein halbes Jahr nach dem 9. November 1989 – mit Mauerbildern bekannt. Zweimal werden „Fotografinnen“ aus der DDR vorgestellt. „Inscriptions and Inventions. Britische Fotografie der 80er Jahre“ von 1989 bezieht zum Beispiel heute prominente Fotografen wie Paul Graham und Martin Parr mit ein. Die 1989 weltweit gefeierten 150 Jahre Fotografie können in der Fotogalerie zwei Jahre später mit „ZeitErinnerung“ am Beispiel Mexiko nachverfolgt werden. Historisch ausgerichtet sind auch „Fotografie in der Weimarer Republik“ oder Einzelausstellungen von Lewis Carroll, Xanti Schwawinski und Hans Gutmann, der als Emigrant Juan Guzmán in Spanien und Mexiko lebte. Ostdeutsche Fotografen wie Jürgen Nagel, Hans-Martin Sewcz, Bernd-Horst Sefzik, Konrad Hoffmeister („Ansichten zu Deutschland“), Christian Borchert, Renate Zeun und Ulrich Kneise stehen weiterhin im Zentrum. Internationale Kontakte führen zu Ausstellungen von S. Paul aus Indien, Miguel Rio Branco aus Brasilien, Boris Mihailov aus der Ukraine und Andrew Danson, gebürtiger Brite, aus Kanada. Argentinische Fotografen zeigen Aufnahmen unter dem Titel „Nicht nur Tango“. „Zwei Jahre Ostkreuz“ rückt die heute berühmte gleichnamige Fotoagentur ins Blickfeld. Ein drittes Mal widmet man sich „Fotografinnen“. Zu den Höhepunkten und meistbesuchten Ausstellungen zählen „Die Zeitschrift Sibylle 1956-1995“ als Forum ungewöhnlicher Modefotografie und „Fotografie und Gedächtnis“, eine Bilddokumentation zahlreicher Fotografen zu kulturgeschichtlichen Denkmälern in den neuen Bundesländern. Der Rückblick in eigener Sache im Jahre 2000 – „Fünfzehn Jahre Fotografie“ – ist überschattet von der Unsicherheit über das Weiterbestehen.
Doch es geht weiter. Die 2001 in Peking verstorbene deutsche Emigrantin Eva Siao wird mit einer Retrospektive geehrt, der Pole Jerzy Olek präsentiert das internationale Fotoprojekt „Sich selbst sehen“, der Neu-Berliner Igor Schestkow aus Russland lädt zu einem Bildbesuch in Jerusalem ein, und der Japaner Kodo Chijiiwa entführt den Betrachter nach Istanbul. Mehrfachgäste sind Günther Schaefer, der mit seinen Bildern aus zwei Jahrtausenden auf die Veränderungen im zusammenwachsenden Berlin verweist, das Fotografenduo Helmut J. Psotta und Arndt Beck, die mit ihrem Langzeitprojekt „Autopsie 2000 – Stillstand der Geschichte“ auf kritische Spurensuche im Berliner Stadtraum gehen und Jörg Rubbert, dessen Lichtbilder Straßenszenen aus Paris, New York und vom Strandleben einfangen. Peter Leske lässt seine Reportagen Revue passieren, und Sebastian Langkorn ist mit melancholischen Stadterkundungen vertreten. Absolventen des Fachbereichs Fotodesign der Fachhochschule Dortmund fangen „Die Kunst Deutsche/r zu sein“ mit der Kamera ein. Der Schwule Foto-Club MannSbilder präsentiert „Spiegelungen“, und mit „DDR hautnah“ wird als Begleitausstellung zu einem neuen Buch Aktfotografie gezeigt.
Fotografie also im Zentrum – in der Fotogalerie seit 25 Jahren!


...zurück

www.kulturring.org - kulturell immer auf dem Laufenden | Adressen | Impressum | Datenschutz