Kulturnews 05/2011

Jörg Bock:

KulTour: Warum nicht in die Wuhlheide?

Im Modellpark Berlin-Brandenburg, Foto: Jörg Bock

Wenn es heißt, wir fahren in die Wuhlheide, denkt man zuerst an die Kindl-Bühne, das Frei-zeit- und Erholungszentrum, die Parkeisenbahn und vielleicht noch den Kletterpark. Ich möchte Ihnen aber zeigen, dass es in der Wuhlheide noch viele Orte gibt, die es zu entdecken lohnt. Wenn man nicht in der Nähe der Wuhlheide wohnt, nimmt man am besten die Straßenbahn M17; 21; 27 oder 37 und fährt bis zur Haltestelle „Hegemeisterweg“.
Von dort führt ein schnurgerader asphaltierter Weg in den Park. Zur linken die Trabrennbahn Karlshorst, rechter Hand die Skaterbahn. Der Bereich des alten Volks- und Waldparks, in dem früher Waldwege zum ruhigen Spaziergang einluden, wird heute eher zur aktiven Erholung genutzt. Nach ungefähr einer Viertelstunde erreicht man das erste Ziel, den alten Sport-übungsplatz (früher auch „Ernst-Thälmann-Stadion“). Seit 2007 gibt es hier den Modellpark Berlin-Brandenburg. Auf einer Fläche von 3 Hektar werden Modelle von bekannten Gebäu-den im Maßstab 1:25 gezeigt. Darüber hinaus sind ganze Landschaften aus der Region nach-gestaltet. Eine wirklich gelungene Show: wo hat man sonst die Möglichkeit, das Brandenburger Tor, das Rathaus Schöneberg, den Fernsehturm, die Siegessäule oder den Reichstag in unmittelbarer Nähe und aus solch einer Perspektive in allen Einzelheiten zu betrachten? Bis zum 31. Oktober ist der Modellpark täglich von 9.00 Uhr bis 19.00 Uhr geöffnet.
Zurück auf dem Weg – den Modellpark lässt man rechts liegen – überquert man eine Straße und erreicht schließlich das Wasserwerk. Die Wuhlheide gehörte zu den Waldgebieten, die vom damaligen Zweckverband Groß-Berlin im Jahr 1911 für 10,5 Millionen Mark (insgesamt ca. 530 Hektar) gekauft wurden. Der Hauptzweck dieser Erwerbung war, dort ein Wasserwerk zu bauen, um den gestiegenen Trinkwasserbedarf der ständig wachsenden Hauptstadt abzudecken. Im Kaufvertrag gibt es einen Passus, nach dem ein Teil von mindestens 125 Hektar von der Stadt als Volkspark gestaltet werden soll. So gesehen, stand das Wasserwerk Pate für die spätere Entstehung des Volks- und Waldparks Wuhlheide. Seine Inbetriebnahme erfolgt am 1. Juli 1914. Es ist somit eines der älteren, aber äußerst wichtigen Wasserwerke der Hauptstadt, und es arbeitet im Verbund mit dem Wasserwerk Friedrichshagen. Versorgt werden Karlshorst, Oberschöneweide, Baumschulenweg, Neukölln und Mitte. Die Tiefbrunnen (insgesamt 98 Vertikalbrunnen) sind zwischen 30 und 45 m tief, die maximale Leistung liegt bei 30.000 qm/Tag. Für das Waldgebiet der Wuhlheide war das Wasserwerk nicht immer ein Segen. Durch die Tiefbrunnen kam es zu einer erheblichen Absenkung des Grundwasserspiegels, was die Vegetation nicht unerheblich zu spüren bekam. Dies stellte den Schöpfer des Volksparks E. Harrich vor zusätzliche Probleme. Dass diese Probleme, vor allem durch Neuanpflanzungen gelöst werden konnten, diente nicht nur dem Naturschutz, sondern trug auch erheblich zur Erhaltung der Wuhlheide bei.
Vom Wasserwerk aus wendet man sich nun in Richtung Oberschöneweide. Auf kleinen Wegen gelangt man schließlich auf die Verlängerte Rathenaustraße und erreicht den dritten Eckpunkt der kleinen Wanderung, den Waldfriedhof Oberschöneweide. Diesen Friedhof gibt es seit 1902. Geldgeber und somit Stifter war der Gründer der AEG, Emil Rathenau. Mit der zunehmenden Industrialisierung und der damit verbundenen Ansiedlung wurde dringend auch ein Friedhof benötigt. Er hatte zunächst nur eine Ausdehnung von gut einem Hektar, erreichte dann aber nach zwei Erweiterungen in den Jahren 1908 und 1920 seine endgültige Größe von 5,7 Hektar. Ein Blickfang ist die Friedhofskapelle, die man vom Haupteingang an der Verlängerten Rathenaustraße aus erreicht. Sie wurde zwischen 1903 und 1904 von Baumeister Max Sutterheim nach dem Vorbild mittelalterlicher Kapellen errichtet. Sehenswert sind auch die Wandgrabmäler und Begräbnisstätten, die aus der Zeit zwischen 1903 und 1930 stammen. Hier haben sich Familien verewigt, die bei der Entstehung von Oberschöneweide eine herausragende Rolle gespielt haben, darunter die Familie Rathenau. Bestattet sind in der Familienstätte neben Emil Rathenau und seiner Gattin auch seine Söhne Erich und Walter. Erich Rathenau war der erste Direktor des Kabelwerks Oberspree. Sein Bruder Walter Rathenau – der bekanntere von den beiden – war der 1922 ermordete Außenminister des Deutschen Reiches. Sehr auffällig ist auch die Begräbnisstätte für Otto Engel, einem Direktor der Lampenfabrik R. Frister. Die Reihe bekannter Namen reicht bis in unsere Zeit: hier ist auch der 1999 verstorbene Autor, Schauspieler und Unterhaltungskünstler Hans Joachim Preil beigesetzt.
Wenn man den Friedhof verlässt und sich wieder in Richtung Westen wendet, stößt man auf einen der Hauptwege des Parks, das Eichgestell. Bereits im 18. Jahrhundert war dies die Verbindungsstraße zwischen Berlin und Köpenick. Dieser mit Eichen bestandene Weg zieht sich fast schnurgerade durch die gesamte Wuhlheide und mündet in die Treskowallee.
Kurz vor dem Ende des Weges biegen wir dann nach rechts ab und erreichen das Freibad.
Das „Sommerbad Wuhlheide“, wie es heute heißt, hat seinen Ursprung im ehemaligen Licht- und Luftbad und war ebenfalls Bestandteil des früheren Volks- und Waldparks. Es wurde 1932 eröffnet und gehörte zum ruhigeren Teil innerhalb der Gesamtanlage. Besonders in den Sommermonaten war das Planschbecken sehr beliebt. Dies zeigen besonders alte Fotografien und Postkarten aus den 1930er Jahren. Die dazugehörige Liegewiese war für eine ganzjährige Nutzung vorgesehen. Unter Wasser gesetzt, konnte sie in den Wintermonaten als Eislauffläche genutzt werden. Mit einem Kostenaufwand von 10 Millionen Mark wurde 1988 das gesamte Areal zu einem modernen Freibad umgebaut. Der frühere freie Zugang ist nun nicht mehr möglich, die Liegewiese in ihrer früheren Form gibt es leider auch nicht mehr. Teile der früheren Bepflanzung fielen den Baumaßnahmen zum Opfer. Andererseits wurden frühere Gestaltungselemente teilweise wieder aufgenommen und auch Materialien der alten Ausstattung wieder verwendet. Beispielgebend dafür ist der markante Bogen im Eingangsbereich, der früher den Zugang zum Luftbad bildete.
Vom Bad sind es nur noch wenige Minuten bis zur Treskowallee. Dort steigen Sie wieder in die Straßenbahn, diesmal an der Haltestelle „Volkspark Wuhlheide“.
Sind auch herzlich zu einem Vortrag am 5.5., 19 Uhr in das Studio Bildende Kunst über die Entstehung und Entwicklung des historischen Volks- und Waldparks Wuhlheide eingeladen.


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