Kulturnews 01/2012

Rosita Meiworm / Simon Löber:

„Wir waren Nachbarn“ – 142 Biografien jüdischer Zeitzeugen

Sechs neue Alben in der Ausstellung im Rathaus Schöneberg
Foto: Gerhard Haug

„[…] Ich hatte nicht viel davon gespürt, aber obwohl ich so jung war, habe ich zwei Sachen, an die ich mich genau erinnern kann. Das eine war die ‚Reichskristallnacht’ und wie am nächsten Tag die Gestapo kam und meinen Vater mitgenommen hat […]“
Mit diesen Worten antwortete der Zeitzeuge Peter Hecht auf die Frage, an welche Ereignisse seiner Berliner Kindheitszeit er sich erinnern kann. Wie Peter Hecht sind in der Zeit von 1933 bis zum Ausreiseverbot im Oktober 1941 Tausende Berliner Juden emigriert. In der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Rathaus Schöneberg kann man sich schon seit 2005 über Biografien wie die Peter Hechts informieren – Biografien jüdischer Berliner, die vor der Zeit des Nationalsozialismus das Leben in den Bezirken Tempelhof und Schöneberg – und dort speziell im „Bayerischen Viertel“ – entscheidend mitgestalteten und prägten.
In den biografischen Alben mit teilweise sehr persönlichen Dokumenten, wie Briefen und Fotografien, sind die Lebensgeschichten der ehemaligen Bewohner nachzulesen. Sie sind auf langen Tischen ausgelegt, Stühle laden zum Hinsetzen und Lesen ein, ganz wie in einer Bibliothek. Umgeben sind die Leser-/innen von Stelltafeln, an denen sich kleine, nach Straßen geordnete Karten mit den Namen von über 6000 deportierten Menschen befinden. Zusätzlich bieten Tafeln zu den wichtigsten Exilländern Informationen zu den Aufnahme- und Lebensbedingungen dort.
Ein Informationsmonitor und eine Bücherwand ermöglichen eine vertiefende Annäherung an das Thema. Die Besucherberatung der Ausstellung steht für Nachfragen und weiterführende Hinweise zur Verfügung und nimmt Anfragen zu Führungen entgegen. Für Schulklassen werden ihrem Alter entsprechend angepasste Führungen angeboten. Der Interviewfilm „Geteilte Erinnerungen“ ist eine Sammlung mit individuellen Aussagen von 15 jüdischen und nichtjüdischen Zeitzeugen.
Die seit 2010 dauerhaft im Rathaus Schöneberg gezeigte Ausstellungsinstallation steht in enger inhaltlicher Beziehung zu dem 80teiligen Denkmal der Künstler Renata Stih und Frieder Schnock im Bayerischen Viertel. Seit 2005 unterstützt der Kulturring in Berlin e.V. das Projekt „Wir waren Nachbarn“. Dadurch konnte die Ausstellung in den letzten Jahren inhaltlich wachsen und erweitert werden. Zum Aufgabenbereich der durch den Träger beschäftigten Mitarbeiter zählt neben der Besucherberatung auch die Arbeit an neuen biografischen Alben. Am Sonntag, dem 22. Januar 2012, werden bei der jährlich im Zusammenhang mit dem internationalen Holocaust-Gedenktag stattfindenden Gedenk- und Erweiterungsveranstaltung sechs neue biografische Alben präsentiert, zwei davon sind vom Team des Kulturring in Berlin e.V. erarbeitet worden. Dabei geht es zum einen um drei Generationen der Familie Hecht, die Anfang 1939 nach Australien emigrierte und somit ihr Leben retten konnte. In einem weiteren Album wird der Lebensweg der Marianne Cohn erzählt, die während der NS-Zeit in den Widerstand ging, verhaftet und dann erschossen wurde. Nach ihr ist eine Schule für Behinderte in Tempelhof benannt.
Grundlage für die Arbeit sind oft Zeitzeugengespräche, mit denen man einen persönlichen Blick auf die Menschen bekommt. Familienangehörige vervollständigten die Alben mit Fotos. Durch intensive Recherche in Archiven, Forschungseinrichtungen und Bibliotheken wurden Dokumente und Fotos aufgespürt und die bisher fehlenden oder verloren gegangenen Daten von Biografien und Lebensgeschichten wieder hergestellt oder ergänzt. Neu in der Ausstellung werden außerdem die Alben über Miriam Merzbacher, Bruno Wolff, Joseph Lachmann und H. Peter Paisley sein. Im Laufe des Jahres 2012 wird durch das Team ein weiteres Album über Paul Bernstein entstehen. Für 2012 wird in der Ausstellung das Thema „Jüdische Ärzte in Schöneberg und Tempelhof“ inhaltlicher Schwerpunkt sein.
Der Verein frag doch! Verein für Begegnung und Erinnerung e.V. hat 2011 die fachliche und organisatorische Betreuung übernommen und wird dabei vom Kulturring in Berlin e. V. unterstützt. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg stellt weiterhin die Räume im Rathaus Schöneberg und die Basisfinanzierung der Ausstellung zur Verfügung.
Die Gedenk- und Erweiterungsveranstaltung findet am Sonntag, dem 22. Januar 2012 um 17.00 Uhr im Rathaus Schöneberg statt.
Öffnungszeiten der Ausstellung sind von Montag bis Donnerstag sowie Samstag und Sonntag jeweils von 10–18 Uhr. Kostenlose Führungen werden Montag und Samstag um 16.30 Uhr angeboten. Der Eintritt ist frei.
Anmeldungen und Information für den Besuch von Gruppen und Schulklassen sind auch am Freitag möglich, Rollstuhlfahrer/- innen bitte unter: 030 / 90277-4527 anmelden.


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