Kulturnews 10/2012

Michael Laschke:

T4 – eine Ausstellung erinnert, bedrückt und mahnt

Foto: Ule Mägdefrau

Der September ist im Kulturleben Berlins mehr als ausgefüllt. Es sei nur auf den gerade zurückliegenden „Tag des offenen Denkmals“ wie auch an die bezirksübergreifende „Lange Nacht der Bilder“ in Lichtenberg und Friedrichshain-Kreuzberg hingewiesen. Letztere, die nun schon zum 5. Male vom Kulturring in Berlin e.V. organisiert und von einem großen Team engagierter Leute vorbereitet wurde, bietet Kunstspaziergängern die Möglichkeit, Galerien, Ateliers, Kunstwerkstätten zu ungewöhnlichen Zeiten zu besuchen, im direkten Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern zu erfahren, wie sie arbeiten und leben, wo sie ihre Themen finden, wie sie sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen. Insgesamt 111 Veranstaltungsorte auf acht Kunsttouren standen zur Auswahl. Groß war die Gefahr, Wichtiges zu übersehen.
Unbestritten gehörte zu dem Wichtigen im Zusammenhang mit dieser Langen Nacht der Bilder die Eröffnung der Ausstellung „T 4“ bereits 7. September 2012, einer Ausstellung, die – gestaltet durch Michael Gollnow und unterstützt durch Antje Mann, Leiterin des Kulturring-Bildungswerks und Dr. Werner Baumgart, Projektleiter für die Lange Nacht – dankenswerterweise im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, im Gebäude der ehemaligen Pathologie, stattfinden konnte.
An ihrer Eröffnung nahm als Repräsentant der Botschaft der Republik Polen Botschaftsrat Ryszard Szklany teil, ebenso Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Dr. Thiele, Leiter des Stadtmuseums, Bezirksamt Berlin-Lichtenberg, der Vorstand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für seelische Gesundheit, Dr. Niels Pörksen, Delegationen aus Polen und der Ukraine und der Geschäftsführer der Pinel gGmbH, Bernd Gander. Viele Gäste waren der Einladung gefolgt.
Hinter „T 4“ verbirgt sich der Massenmord an Patienten der Heil- und Pflegeanstalten im faschistischen Deutschen Reich sowie in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten, insbesondere Polen und in der Sowjetunion. „T 4“ war zugleich die Adresse der Planungszentrale dieser Tötungsaktion in Berlin, Tiergartenstraße 4.
Die perfekte Planung dieses unvorstellbaren Mordens an hilflosen Menschen begann 1939. Offiziell dauerte es bis zum Sommer 1941. Proteste aus den Kirchen, eine zunehmende Anzahl drängender und besorgter Fragen der Angehörigen nach dem Aufenthaltsort ihrer „verlegten“ Familienmitglieder und vor allem die Aufmerksamkeit im Ausland über den plötzlichen Anstieg gemeldeter Todesfälle seit 1939 in den „Landesheilanstalten“ und der Krieg gegen die Sowjetunion ließen es Hitler ratsam erscheinen, die Aktion organisierten Tötens abzubrechen. Doch das Morden psychisch kranker Menschen mittels Nahrungsentzug, Medikamentengaben und grausamen medizinischen Handlungen ging bis zum Mai 1945 weiter. In der Ausstellung ist die Zahl von mindestens 300.000 ermordeten Kranken zu finden.
Kann eine Ausstellung mit dem Untertitel „Die Gesamtverbrechen der Nationalsozialisten an Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder geistigen Behinderung“, Verbrechen die schon mit den Zwangssterilisationen seit 1933 begannen, in die Konzeption der „Langen Nacht der Bilder“ mit dem Focus „Wort und Bild“ eingeordnet sein? Ja, sie kann es. Und noch mehr: es war gut und notwendig, dies zu tun.
Michael Gollnow, der „Ausstellungsmacher“ – welch unpassendes Wort in diesem Kontext – hat sich auf ganz persönliche Art in „Wort und Bild“ einem Verbrechen des Naziregimes gewidmet, das vielen Jüngeren unbekannt ist, von der älteren Generation und politischen Entscheidungsträgern nicht selten verdrängt oder – noch schlimmer – totgeschwiegen wurde und wird. Bis zum Jahr 2008 dauerte es, dass die deutsche Gesellschaft für Humangenetik eine schwere Schuld ihrer damaligen Fachkollegen durch ihre Beteiligung an der Vorbereitung, Begründung und Durchführung der systematischen Missachtung fundamentaler Menschenrechte bis hin zum Mord behinderter Menschen anerkannte.
Wer die Ausstellung besucht, findet kein gestyltes Kunstobjekt vor. Einfaches A-4 Druckerpapier mit großen schwarzen Buchstaben, angeklebt an die Fliesen der ehemaligen Pathologie, kombiniert mit Situationen des Abtransportes kranker Kinder in den GEKRAT-Bussen mit den weißgestrichenen Fenstern, die keinen Blick nach innen und außen ermöglichten, und grauer Tarnfarbe, nachgestellt auf den Arbeitsplatten und Seziertischen der Pathologen – das ist die Ausstellung.
Die anfängliche Nüchternheit über diese Gestaltung weicht zunehmender Betroffenheit über das Ausmaß und die Perfektion des Verbrechens, die in kurzen Sätzen auf dem Papier zu lesen ist. Aufklären, mahnen, emotionalisieren will Michael Gollnow damit – aktiv werden liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Der Ort der Ausstellung ist doppelt authentisch. Pfarrer Winfried Böttler, Seelsorger und Mitglied der Geschäftsführung des Königin-Elisabeth-Hospitals, der die Ausstellungsbesucher begrüßte, erinnerte daran, dass die frühere Heil- und Pflegeanstalt Herzberge auch ein Ort war, von dem psychisch Kranke über Zwischenstationen in die Vergasungsanstalten transportiert wurden, Ärzte des Hauses Mitwisser und Beteiligte waren. Authentisch ist der Ort, weil sich im damaligen Städtischen Krankenhaus Lichtenberg an der Hubertusstraße, unweit der Heil- und Pflegeanstalt Herzberge, nicht nur kurzzeitig eine „Sonderabteilung für Erbpathologie“ befand, sondern zwischen dem Herbst 1933 und dem Frühjahr 1945 mehr als 600 Patienten Opfer von Zwangssterilisationen wurden. Von diesen konnten 561 namentlich ermittelt werden. Bis zum Erscheinen des Buches „Das Oskar-Ziethen-Krankenhaus Berlin-Lichtenberg“ im Jahre 2003 war diese Verquickung in die Verbrechen des Naziregimes nicht nur nicht bekannt, sie wurde sogar bestritten.
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ergriff während der Eröffnungsveranstaltung das Wort und würdigte in warmen Worten die Initiative zu dieser Ausstellung. Er sprach über den langen Weg in der Politik bis zur Anerkennung der Notwendigkeit einer zentralen Gedenkstätte für die Opfer des NS-Diktatur unter den psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, einer Stätte zur Erinnerung und Mahnung, denn es gibt keine Opfer erster oder zweiter Klasse. Die Ausstellung zeige, welch hohen Wert ein Satz in unserem Grundgesetz für jeden Einzelnen besitze, ob arm oder reich, alt oder jung, stark oder schwach, gesund oder krank: Es ist der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Vor allem deshalb sollte über einen längerfristigen, öffentlich gut zugänglichen Ausstellungsort nachgedacht werden.


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