Kulturnews 06/2013

Volkhard Böhm:

Arno Mohr – Werke aus einer privaten Sammlung

An der Haltestelle / im Regen. 1955, Abb.: Lithographie, Arno Mohr

Am 4. Dezember 1823 schreibt Johann Wolfgang von Goethe an Eckermann: „Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“ Goethe spricht hier von den Berlinern ganz allgemein. Unter diesen gibt es aber wiederum diejenigen, die man als Berliner Originale bezeichnet, die sich durch ein besonderes, eigenwilliges Selbstbewusstsein, einen schlagfertigen Witz und kauzigen Humor und durch diese typische Berlinische Schnoddrigkeit, aber auch durch eine selbstverständliche Hilfsbereitschaft auszeichnen.
Aus den Reihen der bildenden Künstler zählt man natürlich Heinrich Zille, den Pinselheinrich, dazu. Ich würde hier Kurt Mühlenhaupt aus dem vergangenen Westberlin und als Pendant auf Ostberliner Seite Arno Mohr dazurechnen, haben sie doch Charakteristika dieser „Typen“ nicht nur verkörpert, sondern auch auf liebenswürdige Weise in ihrer Kunst dargestellt.
Es muss 1977 gewesen sein, als ich Arno Mohr gebeten habe, uns, meinem „Arbeitskollektiv“ und mir, eine Einführung in die Lithographie zu geben. Er sagt sofort zu und demonstriert uns diese in seiner Werkstatt im Monbijoupark am Beispiel des Druckes seiner Lithographie „Blumenpflückendes Mädchen“. Er druckt das Blatt in so vielen Exemplaren, wie wir Teilnehmer sind. Als ich wenige Tage später mit einer Graphikrolle unter dem Arm die Blätter abholen will, schenkt er sie uns, knurrt mich aber in seiner manchmal brummigen Art an – der Volksmund sagt dazu: Raue Schale, weicher Kern: „Graphik transportiert man in Mappen, nicht in Rollen.“ So lerne ich Arno Mohr kennen.
Vom 20. Juni bis zum 1. August zeigt das Studio Bildende Kunst in der Lichtenberger John-Sieg-Str. 13 Graphiken von Arno Mohr aus einer privaten Berliner Sammlung.
Arno Mohr, am 29. Juli 1910 in Posen geboren, ist früh nach Berlin gekommen und studiert hier an der Vereinigten Staatsschule für bildende und angewandte Kunst in Charlottenburg. Nach dem Krieg wird er als Professor an die Kunsthochschule Weißensee berufen. Seinen Studenten an der Kunsthochschule, an der er bis 1975 als Dozent wirkt, zitiert er immer wieder das Liebermannsche Credo „Zeichnen heißt Fortlassen“.
Arno Mohr hat wesentlichen Anteil am neuen Aufschwung der Lithographie gegen Ende der Fünfzigerjahre in Berlin. Gemeinsam mit solch profilierten Künstlern, wie Herbert Tucholski, baut er ab 1957 die Zentralen Werkstätte der Bildenden Kunst auf, wo bildende Künstler unter ihrer fachlichen Leitung drucken können.
Arno Mohr beginnt sein grafisches Werk vorrangig mit dem Holzschnitt in expressivem Gestus, bevor er sich später mehr und mehr auf die Radierung, vor allem aber auf die Lithographie orientiert. Manche seiner frühen Graphiken charakterisiert ein schlichtes Pathos. Die Radierung „Stahlwerker in Hennigsdorf“ von 1954 oder die Lithographie „Arbeiter mit Mainelke“ gehören dazu. Aber schon da interessiert ihn vor allem das Alltägliche: Das Familienleben in seinem „Lebenslauf“, die eigene Arbeit im Atelier, in der Werkstatt, intime Stillleben, das spielende Kind, Berlin und seine unrepräsentativen wie repräsentativen Gegenden (letztere allerdings wiederum in unrepräsentativer Weise), die Weite und Kargheit der märkischen Landschaft. Viele dieser Blätter sind in der Ausstellung zu sehen: Selbst in der Werkstatt von 1978, Bildnis Helene Weigel von 1971, Junges Paar am Treptower Ehrenmal von 1974, Die Brille von 1961, Blumenpflückendes Mädchen von 1968 oder Brecht in Buckow von 1987.
Als „Rucksackberliner“ steht er mit seiner Kunst in der typischen Berlinischen Tradition, die von Chodowiecki über Schadow, Hosemann, Menzel, Liebermann oder Zille führt. Seine Wahlverwandten sind die Literaten Hauptmann, Heinrich Mann, Fontane, Brecht, der Komponist Eisler, die Schauspielerin Weigel, die Maler-Graphiker wie Zille, die Kollwitz, Cremer oder Klemke. Sie hat er immer wieder porträtiert, wie die Ausstellung auch zeigt, oder fiktiv in seinen „Künstlercafés“ auf dem Stein oder der Radierplatte zusammengeführt.
Mohr ist ein Meister des Einfachen, das so schwer zu machen ist, wie es Brecht in seinem „Lob des Kommunismus“ formuliert. Und doch sieht bei ihm alles so einfach aus. Mit spielerischer Ungezwungenheit, dem so scheinbar leichten Zeichenstil mit wenigen Strichen und einem oft kauzigen Humor hält er dieses Alltägliche und das Wesentliche darin fest. Und meist liegt eine meditative Stimmung über diesen Bildszenen, die Dargestellten ruhen in sich, sind in sich versunken. Mit diesen, seinen Bildern ist er unverwechselbar und unvergessen geblieben.
1998 treffe ich Arno Mohr das letzte Mal. Wir bereiten eine Ausstellung zum 200. Jahrestag der (Wieder)Entdeckung der Lithographie durch Alois Senefelder im Studio Bildende Kunst vor. Die Drucker der Saalpresse Bergsdorf, Angela Schröder und Jürgen Zeidler, wollen uns ein originalgraphisches Plakat kostenlos drucken. Zeidler hat die Druckwerkstätten des BBK in Bethanien, im Museum für Handwerk und Technik und in der Taborpresse mit aufgebaut. Er wünscht sich ein Motiv von Arno Mohr, weil er durch eine Graphik von diesem zum Druck „verführt“ wurde. Und Arno Mohr erklärt sich sofort bereit dazu, gemeinsam sehen wir die noch vorhandenen Lithographie-Steine mit seinen Motiven in der Monbijou-Werkstatt durch. Tage später sagt er mit großem Bedauern ab. Man hat ihn rechtlich beraten. Ja, die Zeiten sind jetzt anders, und auch ein Künstler, der sich entgegen der limitierten Nummerierung des Kunsthandels immer den demokratischen Prinzipien der Druckgraphik und ihrer nur durch die Technik beschränkten Vervielfältigung verpflichtet fühlt, darf nun seine eigenen Graphiken nicht mehr beliebig vervielfältigen.
Am 23. Mai 2001 verstirbt Arno Mohr in Berlin. In Bergsdorf übrigens hat Mühlenhaupt sein Museum. Arno Mohr hat kein Museum, wenn auch viele seiner Graphiken in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen sind. Dank für die Ausstellung gebührt deshalb den Sammlern, dem Kulturring und dem Studio Bildende Kunst und Lena Belenkaya, der Kuratorin der Ausstellung.


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