Kulturnews 11/2013

Reinhardt Gutsche:

Hommage an Walter Vogt

Abb.: Kulturbund Treptow

Zu den bedeutendsten, heute leider zu Unrecht weitgehend vergessenen Schweizer Schriftstellern der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gehörte Walter Vogt. 1927 in Zürich geboren, lebte Walter Vogt bis zu seinem Tode 1988 als Facharzt für Psychiatrie in Muri bei Bern. Seine ersten schriftstellerischen Arbeiten waren vorwiegend im medizinischen Milieu angesiedelt, später hat er die individuelle Konfrontation mit einer zumeist als feindlich empfundenen Umwelt und gewissen Aspekten in den gesellschaftlichen Zuständen seiner Schweizer Heimat in den Mittelpunkt seiner Reflexionen und kafkaesk-parabelhaften und mitunter grotesken Prosa gestellt. Er war ein brillanter Erzähler mit satirischem Einschlag, ein Erfinder ebenso amüsanter wie unheimlicher Figuren, ein kritischer und Vielen unbequemer Zeitgenosse, dessen Engagement sich nicht auf das Schreiben beschränkte, sondern der sich in die Kämpfe seiner Zeit aktiv einmischte, so als Mitglied der internationalen Vereinigung „Ärzte gegen den Atomkrieg“, als Mitbegründer und zeitweiliger Präsident der „Gruppe Olten“, eines Zusammenschlusses Schweizer Dissidenten-Schriftsteller, oder als Gründungsmitglied der AIDS-Hilfe Bern.
Vogt schrieb Romane, Essays, Erzählungen, Gedichte, aber auch dramatische Texte für Theater, Radio und Fernsehen. Darin sind auch seine persönlichen Erfahrungen mit schwerer Depression und Drogenkonsum verarbeitet. (Er nannte das LSD „die einzigste heitere Erfindung des 20. Jahrhunderts“!) Sein Werk wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, und ihm wurde sogar die Ehre einer 10-bändige Werkausgabe zuteil (Nagel & Kimche, Zürich). Die wichtigsten seiner Werke wurden auch als Lizenzausgaben bei „Volk und Welt“ verlegt und fanden in der DDR eine große Leserschaft, so der satirische Roman „Der Wiesbadener Kongreß“ (1977) sein Roman über eine Drogenentziehungskur „Vergessen und Erinnern“ (1982), eine Auswahl von Erzählungen (1983) und sein autobiografischer Tagebuch-Roman „Altern“ (1985).
Nicht zuletzt dies war für den Kulturring Berlin Grund genug, vor fast genau zehn Jahren anlässlich seines 75. Geburtstages seiner zu gedenken. In diesem September nun jährte sich der 25. Todestag von Walter Vogt, ein willkommener Anlass, an dieser Stelle wieder an ihn und die damaligen Veranstaltungen zu erinnern. Unter dem Titel: „Alle Irrenhäuser sind gelb“ hatte der Kulturbund in sein Domizil in der Ernstraße in Baumschulenweg zu einer musikalisch-literarische Gedenkveranstaltung geladen, die damals auf ein überaus großes Publikumsinteresse stieß. Die mit Unterstützung der Schweizer Botschaft veranstaltete Ehrung gestaltete sich zu einem echten Höhepunkt im damaligen Jahresprogramm des Kulturrings. Der Vereinsvorsitzender Dr. Schewe hatte als Ehrengäste neben der eigens aus Bern angereisten Witwe des zu Ehrenden, Frau Elisabeth Vogt, auch den Gesandten der Schweizer Botschaft, Herrn Dr. Emanuel Jenni, begrüßen können, der im Anschluss zu einem „Vin d‘honneur“ einlud.
Doris Halter, Herausgeberin der Werkausgabe, attestierte in ihrem Beitrag eine gewisse literarische Verwandtschaft Vogts mit Friedrich Dürrenmatt und unterstrich, daß er zu den wichtigsten Schweizer Autoren der Generation nach Frisch und Dürrenmatt gehörte. Sie rief ihn als einen Menschen in Erinnerung, der als Satiriker und Melancholiker, Psychiater und selbst Patient, als Familienvater und Naturfreund, als scharfsinniger, kritischer Beobachter der Gesellschaft und „verkappter Theologe“ in sich sehr widersprüchliche Züge und Eigenschaften vereinigte. Sie verwies auf die Symbiose von Psychiater und Schriftsteller in seiner Person, den seine Patienten weniger als psychiatrische Fälle, sondern eher als Menschen interessierten mit ihrer besonderen Art, die Welt zu erleben, die den sogenannten Normalen eigene Perspektiven und Sensibilitäten eröffnen könnten.
Walter Vogt hatte sich in den siebziger Jahren immer mehr dem offen Autobiografischen genähert („Vergessen und Erinnern“ und in dem Tagebuchroman „Altern“) und mehr und mehr die Grenzbereiche seelischen Erlebens erkundet, die üblicherweise eher im Dunkeln bleiben: Drogensucht, Existent des psychiatrischen Patienten in der Klinik, sexuelle Identität („Maskenzwang“), Sexualität und Tod vor dem Hintergrund von Aids usw. Das Leben Walter Vogts hatte sich letztlich in einem Spannungsfeld zwischen „Schock und Alltag“ bewegt, wie auch der Titel seines postum erschienenen letzten Tagebuchromans lautet: im Kontrast zwischen banaler Alltäglichkeit von Beruf, Haus und Garten, Familie, Katze und Sommertage am Murtensee einerseits und Ängsten, Depressionen, Süchten und Sehnsüchten, dem Bewusstsein einer fragilen und stets gefährdeten Existenz andererseits.
Dietrich Simon, der letzte Leiter des Verlages Volk und Welt, verwies auf die Brisanz und Widersprüchlichkeiten, die das verlegerische Bemühen um sein Werk in der DDR und dessen Rezeption umgaben. Einerseits war Walter Vogt als scharfsinniger Kritiker einer als unbehaglich befundenen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und aktiver Streiter in der internationalen Gesellschaft der „Ärzte gegen den Atomkrieg“ willkommen, andererseits hatte er seine Leser und Zuhörer auf seinen Lesereisen durch die DDR (vor stets Hunderten von Zuhörern) mit Themen konfrontiert, die dem Spätsozialismus nun wahrlich nicht am Herzen liegen konnten: Naturzerstörung und Fetischisierung des Technischen, Aids, Drogen, Homosexualität, Kritik der Konvention über das „Normale“ und „Gesunde“ in der modernen Gesellschaft usw. So gesehen, erwies sich Walter Vogt mit seinem literarischen Schaffen nicht nur in seiner Welt als „Störenfried“...
Im zweiten Teil des Abends hatten die Schauspieler Siegrid Richter und Martin Laubisch eine Collage von fiktionalen und essayistischen Texten Walter Vogts dargeboten. Vor allem für den Monolog „Faust - eine Clownnummer“ gab es viel Beifall. Für Martin Laubisch bot dieser Text voller Selbstironie und Sarkasmus ein dankbares Spielfeld seines komödiantischen Talents.
Zuvor schon hatte Martin Laubisch in der Bohnsdorfer „Kulturküche“ zusammen mit Fridolin Richter in dem Zwei-Personen-Kammerspiel Vogts „Spiele der Macht“ auf groteske Weise in die grausamen Abgründe eines von Abhängigkeit, Routine und Perspektivarmut geprägten menschlichen Miteinanders blicken lassen (Regie: Siegrid Richter). Jeder Ansatz von Entwicklung und Ausbruch in diesem merkwürdigen Beziehungsgefecht zwischen den beiden Protagonisten scheitert schließlich, und die Blockaden münden in eine Endlosschleife... Ähnlich wie in „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett bewegen sich die beiden in einem Mikrokosmos scheinbar außerhalb von Raum und Zeit, nur vage durchbrochen von Andeutungen auf alte Zeiten und ein „Draußen“. Ihr Zusammenleben ist geprägt durch kleine Gemeinheiten und große Schikanen des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren. Ein Rollentausch von Machtlust und Servilität scheitert. Die Banalität des Alltäglichen im Zusammenleben zweier Menschen spannt den Bogen von liebenswürdigem Geplänkel über spielerische Brutalität bis zu Kadavergehorsam militärischer Observanz. Letztlich verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Ernst: Das Spiel mit der Macht verwandelt sich unversehens in eine existenzielle Obsession des Mächtigen und offenbart den lustvollen Selbstzweck an der Macht in dessen psychischen Tiefenstrukturen. Anders als in der „Zimmerschlacht“ von Martin Walser handelt es sich bei Walter Vogt nicht um einen Geschlechterkampf, denn beide Protagonisten sind Männer. Jenseits der homoerotischen Aura dieser Konfliktkonstellation fällt daher der Verweis auf die Machtspiele in der Gesellschaft und der großen Welt deutlicher aus und erinnert eher an „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre. („Spiele der Macht“ war unter Regie von Josef Scheidegger 1970 im DRS und später in der ARD gezeigt worden. Die Bühnenversion hatte 1971 in Bern ihre Uraufführung erlebt.)
Der Vorsitzende des Berliner Kulturring e.V., Dr. Gerhard Schewe, hatte auf der Jahresmitgliederversammlung 2002 auf die Bemühungen des Vereins und seiner Gliederungen verwiesen, sich aktiv am „Dialog der Kulturen“ zu beteiligen. Zugleich hatte er an die traditionellen Prinzipien der totgesagten europäischen Aufklärung erinnert wie Rationalität, Toleranz, Emanzipation., Kritikfähigkeit des mündigen Bürgers, die zu befördern zu den Leitmotiven der Vereinstätigkeit gehörten. Die Ehrung des Schweizer Schriftstellers Walter Vogt im September 2003 durch den Kulturring war ganz diesem Credo verpflichtet. An diese Veranstaltung vor zehn Jahren in Berlin wurde ausdrücklich erinnert, als im September in Bern im „kulturpunkt im PROGR“ und in der Galerie „kornhausforum“ eine Gedenkwoche zu Walter Vogt veranstaltet und dessen Werk gedacht wurde.


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