Kulturnews 05/2014

Ingo Knechtel:

Nachbarn. Juden in Friedrichshain – eine Wortmeldung

Die Patin eines Stolpersteins, der zum Gedenken an jüdische Opfer des NS-Regimes in der Warschauer Straße am 22. März 2014 verlegt wurde, stieß in der 2000 erschienenen Publikation des Kulturrings „Nachbarn. Juden in Friedrichshain“ auf das Schicksal der Familie Nawroth. Anne Eichhorst recherchierte zu den auf Seite 47 des Buchs genannten Mitgliedern dieser Familie, speziell über das Leben der verfolgten Jüdin Else Nawroth. Sie übermittelte uns die Ergebnisse ihrer Recherchen, die wir an dieser Stelle gern veröffentlichen.

Anne Eichhorst:

An einem Abend im Oktober 1942 fiel der Abschied inniger aus ...

Foto: privat

Else Nawroth wurde am 24. Juli 1894 in Berlin geboren. Ihre Mutter Hannchen war Jüdin, ihr Vater Robert Katholik. Sie hatte drei Brüder und eine Schwester, war unverheiratet, ohne Kinder. Anfang der 1930er Jahre zog sie in die elterliche Wohnung, um sich um die kranke Mutter zu kümmern. Nach deren Tod 1937 blieb sie. Zum einen führte sie dem Vater den Haushalt, zum anderen fand sie beim nicht-jüdischen Vater „Unterschlupf“. Nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 galt sie als Jüdin als ein Mensch „zweiter Klasse“ und verlor das Recht auf Arbeit und damit die Möglichkeit, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.
Ihre jüngere Schwester Margarethe lebte mit ihrem nicht-jüdischen Ehemann und zwei Kindern nur wenige hundert Meter weiter am Warschauer Platz 1. Durch den Schutz der sogenannten „Mischehe“ behielt sie ihre Arbeitsstelle. So kam es, dass Else Nawroth häufig ihren Neffen Werner und ihre Nichte Waltraud beaufsichtigte. Kurz bevor die Mutter von der Arbeit heim kam, wurden die Kinder von ihrer Tante Else gewaschen und „wie Püppchen angezogen“, erinnert sich der heute 79jährige Neffe Werner liebevoll. Ordentlich und vorzeigbar sollten die Kinder aussehen, wenn ihre Mutter nach Hause kam. Darauf legten beide Schwestern, die in einem Modehaus arbeiteten, großen Wert. Dann verabschiedete sich Else Nawroth und lief die Warschauer Straße hoch zu ihrer eigenen Wohnung. Ab September 1939 musste sie bereits um 20 Uhr (im Sommer 21 Uhr) wieder zu Hause sein, da sich Juden nach der „Sperrstunde“ nicht mehr auf der Straße aufhalten durften.
An einem Abend im Oktober 1942 fiel der Abschied ein wenig inniger aus, dauerte die Umarmung etwas länger als sonst. Denn es sollte der letzte Abschied sein. Else Nawroth entschied sich für den Freitod. Der staatlichen Aufforderung, sich für die Deportation nach Theresienstadt zu melden, wollte sie nicht nachkommen. Auch wenn das Lager in Theresienstadt von den Nationalsozialisten offiziell als „Alterslager“ bezeichnet wurde, galt es als „Durchgangslager“ für den Weitertransport nach Auschwitz. Die Reise nach Theresienstadt als „Tor zum Tod“ trat Else Nawroth nicht an, sie verweigerte den Befehl. Ein kleiner Akt des Widerstandes, der großen Mut erforderte. Ihr Vater durfte das Zimmer erst betreten, als die Kriminalpolizei die Untersuchungen abgeschlossen hatte. Ob Else Nawroth einen Abschiedsbrief geschrieben hat, ist nicht bekannt. Wenn es einen gegeben hat, dann verschwand dieser – wie leider häufig – in den Akten der Gestapo und wurde den Angehörigen nicht überreicht. Die letzte offizielle Nennung des Namens von Else Nawroth findet sich in einer Verfügung der Geheimen Staatspolizei „zur Einziehung des Vermögens von Reichsfeinden zu Gunsten des Deutschen Reiches“. Unter Punkt 11) ist „Nawroth, Else Sara“ mit ihrer letzten Anschrift in der Warschauer Straße 67 aufgelistet. Else Nawroth wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt, auf dem Grab ihrer Mutter.
Ihre Schwester Margarethe überlebte mit Ehemann und ihren beiden Kindern die Herrschaft der Nationalsozialisten. Aber sie verlor ihre „liebe gute Schwester Else“. „Herzzerreißend war der Abschied von meiner einzigen Schwester“, schrieb sie. Auch ihren Bruder Hans verlor sie durch die „braune Pest“, ermordet im Dezember 1942 in Auschwitz. Oft sprach sie von ihren Geschwistern, erinnerte sich an gemeinsame Feste, wie Jom Kippur, das jüdische Fest der Versöhnung, das sie gemeinsam mit ihrer „herzensguten Mutter“ begingen. Obwohl sie ihre letzten Lebensjahre im Westteil Berlins verbrachte, wollte sie, als sie 1988 starb, dort beerdigt sein, wo schon ihre Geschwister Else und Hans und auch ihre Mutter ihre letzte Ruhestätte fanden.
Die letzte fotografische Aufnahme von Else Nawroth zeigt sie in ihrer Wohnung in der Warschauer Straße 67: eine schöne Frau mittleren Alters, hohe Wangenknochen, eine akkurate und im Stil der „Goldenen Zwanziger Jahre“ gekämmte Frisur, dunkle Augen und ein offenes Lächeln. Die helle Seidenbluse und die glänzenden Strümpfe zeugen von Modebewusstsein und Lebensfreude. Gerade blickt sie in die Kamera, vielleicht ein wenig scheu, aber selbstbewusst und zufrieden. Die heute 85jährige Nichte Waltraud erinnert sich an das Grammophon, welches für Else Nawroth geradezu ein Heiligtum war. Musik hörte sie sehr gern, und nachdem die Juden ab November 1938 keine Konzerte mehr besuchen durften und im September 1939 ihre Radioapparate abgeben mussten, war das die einzig verbliebene Quelle für musikalische Abwechslung.
Eben weil sie das Leben liebte und mitten in ihm stand, zog sie den Freitod einem würdelosen, langen und schmerzensreichen Sterben in den Lagern der Nationalsozialisten vor. Genau genommen handelt es sich nicht um einen „Freitod“, denn nur der kann sich „frei“ für den Tod entscheiden, der nicht ohnehin zum Tode verurteilt ist. Auf Else Nawroths Stolperstein steht deshalb „Flucht in den Tod“.


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