Kulturnews 12/2015

Dr. Gerhard Schewe:

Erinnerungen an Siegfried Streller

Foto: privat

Wir waren beide Humboldtianer und arbeiteten während vieler Jahre in demselben legendären Gebäude mit der kriegszerfurchten Fassade und dem denkmalgeschützten Treppenhaus gegenüber der Museumsinsel: damals Clara-Zetkin-Str. 1. Siegfried Streller oben bei den Germanisten, ich unten bei den Romanisten. Er war – ein Schüler von Hans Mayer – Professor für deutsche Literatur, die er von Anna Seghers über Heine, Kleist, Grimmelshausen bis zu Luther, Münster und von Hutten im Blick hatte, um nur diese zu nennen. Näher kennengelernt haben wir uns bei ganz unterschiedlichen Anlässen: Einmal in der Hochschulgruppe des Kulturbunds an der Humboldt-Universität, einem Gremium, in dem auch Querdenker ihren Platz fanden und das von Prof. Streller geschickt und behutsam durch die Klippen der DDR-Wissenschafts- und Kulturpolitik gesteuert wurde. Zum anderen auf einer Reise von Kulturbundmitgliedern, die über Moskau und Nowosibirsk bis nach Irkutsk und zum Baikalsee führte; und das zu einer Zeit, im Frühjahr 1989, als die auf uns zukommenden Herausforderungen und Brüche gleichsam schon in der Luft lagen.
Nach der Wende verloren wir uns für einige Zeit aus den Augen. Auch an der Universität hatte der Kulturbund nicht nur sein Büro verloren. Siegfried Streller jedoch – inzwischen emeritierter Ruheständler – gab nicht auf. Er gehörte zu denjenigen, die dem in Verruf geratenen alten Kulturbund eine neue Perspektive geben wollten, hier in Berlin sogar unter einem neuen Namen. Die Idee des Kulturrings nahm Gestalt an. Am 5. März 1994 fand die Gründungsversammlung statt; Siegfried Streller wurde zum Vorsitzenden gewählt. Zwei Jahre lang leitete er noch die Geschicke des Vereins, bevor er den Vorsitz abgab, nicht ohne zuvor noch eine Entscheidung zu treffen, mit der er wohl die guten Erfahrungen aus „seiner“ Hochschulgruppe personell in den Kulturring hinüber retten wollte: Er berief mich zum Vorstandsmitglied, ohne die langfristigen Folgen dieses Schrittes auch nur ahnen zu können. Als ich dann 1997 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wurde, schied er aus dem Vorstand aus und lebte fortan mit seiner Familie und seinen Lieblingsautoren zurückgezogen im märkischen Bestensee. Manchmal sahen wir uns noch bei einem Konzert im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, bei einem runden Geburtstag. Dann blieben nur noch Erinnerungen.
Am 18. Oktober 2015 ist Siegfried Streller im Alter von 94 Jahren verstorben. Der Kulturring in Berlin e.V. gedenkt seines Mitbegründers und seines ersten Vorsitzenden.


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