Kulturnews 09/2007

Dr. Heinrich Jennes:

Band-Battles und Wettkochen am Gemüsebeet

Foto: Pony Pedro

Das Parkhausdach im Hinterhof des Zentrums Kreuzberg an der Skalitzer Straße 133 besitzt schon von der Architektur her gewisse Aufenthaltsqualitäten. Es schmiegt sich in den Winkel einer aufragenden Brandwand, die den Rückraum fasst und Sicherheit bietet. Außerdem ist das Dach der Länge nach geteilt in zwei Terrassen, deren gelinde Differenz überbrückt wird von bequemen Rampen. Insgesamt ergibt sich die Konstellation eines Theaters: rückwärtig der gehobene Rang, abwärts die Bühne mit dem Hauptbetrieb und, entfernt durch den Hof, vielgeschossig aufragend als Kulisse, die Rückseite der Wohnbebauung.

Auf diesem Dach hatte es die im Kulturring agierende Künstlergruppe „Pony Pedro“, Franziska Werner, Mark Thomann und der Landschaftsplaner Sebastian Wagner, fertiggebracht, einige der Auto-Stellplätze anzulegen als regelrechte Gartenbeete für die Selbstversorgung der meist arbeitslosen Bewohner. Schwerer Humus war kubikmeterweise mit einem Kran hochgehievt, hölzerne Einfriedungen angelegt und vorgezogener Mais, Kürbisse, Tomaten, Zucchini, Sonnenblumen, Kräuter eingepflanzt worden. Welche lebensfrohen Farben im Kontrast zur schwarzen Pappe auf dem Dach des lange schon leerstehenden Parkhauses.

Nicht weniger schwierig, ein solches Ensemble zustande zu bringen, war es, seine Pflege und Nutzung seitens der Bewohner zu organisieren. Und dass dies in weitem Ausmaß gelang und dauerhaft blieb, rechnen die Veranstalter zum besonderen Erfolg ihres Unternehmens gegen die allgemeine Depression. Sie mussten mühsam Kontakte zu den meist türkischen Bewohnern aufbauen und berechtigte Zweifel wenigstens zerstreuen: Was haben wir denn davon, wenn die Beete bloß für zwei Wochen im Juli bestehen bleiben dürfen?

Der Titel als „Kunstprojekt“ öffnet zwar manche verschlossene Tür, er gibt zwar die Möglichkeit, eine derartig absurde Pflanzung vorzunehmen, aber er nimmt sie schließlich auch wieder weg! Er zehrt vom Temporären. Er verwirklicht die Illusion und eben auch die Desillusion, er bringt zum Lachen und zum Weinen, immerhin, er „hinterlässt eine gewisse Sehnsucht“. Und siehe da, wenige Tage vor dem Ende der Veranstaltungsreihe kam die frohe Botschaft, dass die Gärten noch bis zum Herbst bestehen bleiben dürften.

Der „Kampf auf dem Parkdeck“ beschränkte sich nicht auf die verhaltene Ausbeutung der Gartenparzellen. Viele Abend-Veranstaltungen bei den Gärten, die auftretenden Musiker, Köche, Vorleser erfanden neuartige Konkurrenzen: Einen „Band-Battle“, moderiert von der „Kampfkommentatorin“ Cora Frost. Auch das öffentliche „Wettkochen“ von Reibekuchen unterwarf sich einer Jury, doch nur zähneknirschend, denn die Gaszufuhr für die Herdflammen war zu schwach, um den Brei in der Pfanne nicht bloß zum Kochen, sondern zum Braten zu bringen. Man ertrugs mit viel Humor, denn immerhin galt es, im „Kampf“ vor allem die Nähe zum Scheitern verkraften zu lernen.

Diese Erfahrung stand auch im Zentrum des Geschehens unterhalb des Parkdecks:

Hier unten gab es den „Bazar“. 15 Arbeitslose aus ganz Berlin führten vor, was sie als Existenzgründer anzubieten hätten, Gewöhnliches und Ungewöhnliches, Haare schneiden, Billig-Schmuck, Eis verkaufen, Autos reparieren und beim Autokauf assistieren, Fahrräder reparieren, „Alles“ reparieren, schneidern, Zigaretten drehen, Marmelade herstellen, kochen, backen, Schuhe putzen, Comics auf Zuruf anfertigen, Kleider nähen. Jeder Anbieter hatte einen Stellplatz zur Verfügung, den die Veranstalter „Pony Pedro“ mit jeweils passenden Trennelementen liebevoll vorbereitet hatten. Die Existenzgründer in spe sollten erste Übung gewinnen in der Präsentation ihres Angebots und in der Resonanz beim Publikum, aber auch in den Mühen der Selbständigkeit, dem nötigen Durchhaltevermögen, um Widerstände zu meistern, die zunächst vernichtend erscheinen. Diese Erfahrungen sollten sie aber nur gedämpft machen müssen, gehüllt in die Watte eines „Kunstprojekts“. So galt nicht die gängige Formel, dass jemand „selbstständig“ heiße, weil er selbst ständig, also 14-16 Stunden lang am Tag arbeiten müsse. Man begnügte sich mit zwei Samstagen. Auch mussten etwa nicht die Parzellenbetreiber sich mühen, wohl aber konnten sie Einblick gewinnen, als plötzlich das Problem auftauchte, dass nur unter enormen Kosten eine genehmigungsfähige Stromversorgung einzurichten war. Überhaupt die gesamte Vorbereitung, Auseinandersetzung mit den diversen Ämtern, Kammern, mitbeteiligten Instituten, Sponsoren! Welche Mühen, die den Veranstaltern ständig juristische und logistische Qualitäten abverlangten und ihnen das eigene Künstlertum sauer werden ließen! Nichts blieb ihnen erspart, was einem Neuling in Sachen Selbstständigkeit blühte.


„Kampf auf dem Parkdeck – Business am Rande des Existenzminimums“

Pony Pedro www.pony-pedro.de

Träger „Kulturring in Berlin“

Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes


Kottbusser Tor, Samstag 14. Juli bis Sonntag 22. Juli 2007


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