Kulturnews 01/2018

Bernd Grünheid:

www.rosawinkel.kulturring.org

Als 1997, vor 20 Jahren, das erste Rosa-Winkel-Projekt beim Kulturring in Berlin e.V. startete, ging es zunächst um die Unterstützung der Bürgerbewegung der Schwulenverbände für die Aufhebung der NS-Urteile nach § 175 StGB und deren Nachwirkungen auf das Leben der Homosexuellen nach dem Krieg. Die Ergebnisse der folgenden langjährigen und intensiven Forschungsarbeiten in den Projekten sind unter anderem in einer Wanderausstellung, in Publikationen und in Datenbanken dokumentiert.
Doch auch Forschung entwickelt sich, jeden Tag werden neue Erkenntnisse in den Berliner Archiven gewonnen. So recherchieren die Projektmitarbeiter*innen längst nicht mehr nur die Verfolgung von homosexuellen Männern im Nationalsozialismus, sondern sie dokumentieren auch bisher unbekannte Biografien von lesbischen Frauen, Transvestiten und Transgendern (LSBTI).
Seit Ende Oktober 2017 sind nun die Ergebnisse der LSBTI-Forschung unter der neuen Internetadresse www.rosawinkel.kulturring.org einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Die Seite befindet sich im Aufbau und wird so oft wie möglich mit neuen Schicksalen aktualisiert. Besonders bemerkens- und lesenswert sind unsere bisher unveröffentlichten Biografien lesbischer Frauen.
Dazu zählen zum Beispiel auch die beiden französischen Zwangsarbeiterinnen Lucienne M. und Marie P. (Namen aus datenschutzrechtlichen Gründen anonymisiert). Lucienne M. wird 1921 in Royan geboren, einem Seebad an der Mündung der Gironde in den Atlantik. Sie entwickelt sich als selbstbewusste, burschikos wirkende junge Frau und entdeckt früh ihr Desinteresse an Männern. Als Lucienne 16 Jahre alt ist, hat sie in Paris eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu einer 30jährigen Frau. Die Beziehung muss geheim bleiben. Zum Schein lässt Lucienne sich mit einem ihr aus Kindertagen bekannten jungen Mann ein. Als sie 1939 schwanger wird, heiratet sie ihn, obwohl sie ihn für egoistisch hält und keine Liebe empfindet. 1940 wird ein Junge geboren. Noch im gleichen Jahr muss der Mann an die Front, gerät jedoch kurz darauf in deutsche Kriegsgefangenschaft, 1943 in einem Kriegsgefangenenlager in Dresden. Lucienne gibt ihr Kind in Paris zu Pflegeeltern und zieht als französische Arbeiterin nach Berlin. Hier arbeitet sie in den AEG Apparatefabriken in Berlin-Treptow, Hoffmannstraße 15-24. Im August 1942 wird sie im Ausländerwohnheim „Torkrug“ im Hochbahnhof Schlesisches Tor untergebracht. Dort lernt sie die damals 29jährige Pariserin Marie P. kennen. Maries lesbische Neigungen sind im Lager bekannt, und so findet Lucienne bei ihr die Zuneigung und Liebe, die sie schon immer gesucht hat.

AEG Apparatefabriken Berlin-Treptow um 1937, Foto: Landesarchiv Berlin LAB F Rep. 290 (03) Nr. 0290351

Im März 1943 werden Lucienne und Marie von der Lagerleiterin Margarethe Klein bei einem Kontrollgang im großen Schlafsaal des Ausländerwohnheims gemeinsam im Bett von Marie erwischt. Beide wärmen sich gegenseitig, gleichgeschlechtliche Handlungen beobachtet die Lagerleiterin nicht. Trotzdem informiert sie den gefürchteten Werkschutzleiter bei der AEG, August Bogdahn. Der SS-Hauptsturmbannführer zeigt beide Frauen wegen Verstoßes gegen § 183 RStGB (öffentliches Ärgernis durch unzüchtige Handlungen) beim Homosexuellendezernat der Berliner Kriminalpolizei an und fordert „ein abschreckendes Beispiel durch Verhängung strafrechtlicher Maßnahmen“, da die beiden Lesben, „haltlose Naturen“, ein geordnetes Lagerleben beeinträchtigen würden. In den Polizei-Verhören geben die beiden Französinnen alles zu, und Lucienne gesteht: „Trotz Verbots der AEG ... haben wir nicht von einander gelassen, weil wir uns lieben“. Doch Kriminalsekretär Miekeley sind die Hände gebunden, denn lesbische Liebe ist justiziell nicht strafbar. So muss er es bei eindringlichen Verwarnungen der beiden Frauen belassen. Im Wiederholungsfall drohen ihnen polizeiliche Zwangsmaßnahmen. Miekeley legt Karteikarten und Merkblätter über den Vorgang für die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung an.
Dies sind nur zwei von zahlreichen Schicksalen, die alle auf ganz individuelle Weise ergreifend sind, uns heute Lebenden ein Abbild von existenziellen Bedrohungen, von Verfolgung und Verletzung menschlicher Würde anhand nüchterner Schilderungen aus Polizei- und Justizakten und -Vorgängen nahe bringt. Die neu gestaltete Webseite wird laufend mit weiteren Biografien ergänzt. Eine komplette Ausstellung wurde bundesweit bereits an zahlreichen Orten gezeigt und kann beim Kulturring ausgeliehen werden.


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